veLOfoten
Liebe Veloleser(innen),
die Inseln des Lofotengebietes
sind unter Tourenradlern sehr beliebt. Internet beherbergert schon eine
ganze Menge von Radberichten über die Inseln des Lofotengebiets, die
sich wie eine Landkette in das Europäische Nordmeer erstrecken. In
dieser Gegend am 68. Breitengrad ist das Wetter für die Radler sehr
wichtig. Wenn die Sonne scheint, ist vom Rad das Naturerlebnis einmalig,
aber beim Regen kann es eine richtige Qual werden - gut, auch der Regen
gehört zur Natur dieser Gegend. Die Norweger sagen 'Lofoten mit der
Betonung auf der ersten Silbe. In Deutschland hat sich eine andere Aussprache
mit der Betonung auf der vorletzten Silbe durchgesetzt (Lo'foten). Lofoten
bezeichnet ein Gebiet, und das Wort steht in der Einzahl. Ich habe deswegen
die undeutschen Formulierungen in Lofoten und nach Lofoten
benutzt.
Der Radbericht wurde
Winter 2000-2001 geschrieben, aber die beschriebene Tour wurde Sommer 1990
geradelt und erlebt. Der Vorteil mit dieser langen Zeitspanne ist, dass
ich nur die wichtigsten Sachen im Gedächtnis habe, und so wird der
Bericht radleserfreundlicher.
Terje, der Schreiber
dieses Berichtes war damals 10 Jahre jünger, und das war auch meine
Frau Turid. Unsere Söhne Sveinung waren damals 11 und Kjartan 7. Die
VeloLofoten war Kjartans erste Radfahrt, auf der er selbständig
auf eigenem Fahrrad gefahren ist. Er hatte damals ein kleines Rad ohne
Gangschaltung. In den Steigungen habe ich ihn an den Arm gefasst, und so
konnte ich ihm Schubhilfe leisten.
Eine Familie, die in
Norwegen bei der Stadt Bergen wohnt, fährt natürlich mit der
Hurtigrute nach Lofoten, so denkt ihr, liebe Leser(innen). Das taten wir
nicht, aber dafür nahmen wir andere Ruten mit. Lofoten ist wegen der
Fischerei bekannt, und deshalb müsste es auch möglich sein, unterwegs
ein paar Fische zu fangen. An zwei Fahrräder banden wir zwei Angelruten.
Die Schiffe an der norwegischen Küste sind inzwischen sehr touristifiziert,
und die Fahrpreise waren auch 1990 der neuen Zeit angepasst. 1990 boten
die Norwegischen Staatsbahnen günstige Fahrkarten für lange Strecken
an. Auf diese Fahrkarten konnten sogar Kinder unter 12 Jahren gratis mitfahren.
Morgens früh an
einem Sommertag Ende Juni kamen wir in Bodø an. Wir holten unsere
Fahrräder und sahen uns die Stadt an. Das war schnell getan, und Sveinung
und ich sind dann vor die Stadt geradelt, wo wir unsere Angelruten probierten.
Zwei kleine Seifische haben wir schließlich gefangen. Sei ist an
der norwegischen Küste ein sehr gewöhnlicher Fisch. In Deutschland
trägt dieser Fisch den exklusiven Namen Seelachs. Unter normalen Umständen
hätten wir die beiden kleinen Seie wieder in die See geworfen, aber
auf Radfahrt werden alle Energiequellen verwertet, und unsere beiden frischen
Fische wurden an Ort und Stelle gebraten und verspeist.
Gegen Abend zog ein
entsetzliches Gewitter auf, und im Sturm und Regen warteten wir am Anleger
auf die Fähre nach Moskenes in Lofoten. Wir warteten nicht allein,
viele Touristen, die nach Lofoten übergesetzt werden wollten, warteten
auch. Waren wir die einzigen Radfahrer? Daran kann ich mich nicht mehr
erinnern. Ja, wir haben gewartet und gewartet. Keine Fähre ist aus
der tobenden See aufgetaucht. Schließlich hat Turid in einem Kiosk
gefragt, und die Kioskbesitzerin hat angerufen, warum die Fähre ausgeblieben
sei. Wir haben erfahren, dass die Fähre zwei stunden verspätet
ankommen werde, weil die Fähre von dem Verkehrsausschuss des norwegischen
Parlaments gechartert worden sei. Die Politiker sollten ein paar neue Straßentunnels
feierlich eröffnen. Am Anleger war kein Hinweis, nirgendwo war ein
Zettel angehängt worden , dass die Fähre verspätet eintreffen
werde. Sofort habe ich zu dem Bild meiner Vorurteile geschaltet: Typisch
nordnorwegisch, da oben ist die Bevölkerung sehr freundlich und impulsiv,
aber sie haben wenig Organisationstalent. Die Italiener des Nordens!
Die Fähre über
den Vestfjord - so heißt das Meer zwischen Lofoten und dem Festland
- hat wirklich hart geschaukelt. Der Schaum der Wellen flog über das
Deck. Viele der Passagiere wurden seekrank. Wir haben uns auf unsere Sitze
gelegt. Zusammen mit den anderen in der Familie schlief ich ein. Als ich
aufwachte, war das Meer spiegelglatt, und vor uns erhob sich aus dem Meer
ein Traumland mit spitzen Bergen, deren Gipfel mit Schnee bedeckt
waren. Wir sahen Felsen, die blau schimmerten und dazwischen grüne
Wiesen. Es war ja mitten in der Nacht, so um 3-4 Uhr, als wir in Lofoten
ankamen. Wir hatten noch eine Strecke von 20 kilometern zu fahren, bis
wir zur Rorbu unseres Nachbarn kamen. Ich weiß nicht, welche Vorstellungen
ihr Radleser(innen) von dem Begriff Rorbu habt. Rorbu diente früher
fremden Fischern, die zur Kabeljaufischerei angereist waren, als Unterkunft.
Unsere nächtliche Fahrt nach dem Ort Sund war ein ganz tolles Erlebnis.
Es gab keinen Wind, alles war so ruhig und still in dieser fabelhaften
Landschaft. Ruhig war es auch, weil außer uns alle schliefen. Hinter
dem bewölkten Himmel schien die Sonne. Mit der Sicht gab es in der
Nacht keine Probleme. Im Ort Reine kamen wir an einem Gerüst vorbei,
wo Kabeljau zum Trocknen aufgehängt war. Weiter fuhren wir an einem
Vogelberg vorbei. Ja, wir waren wirklich in Lofoten. Die Berge in Lofoten
sind so spitz, weil in Lofoten das Eis der Eiszeit so dünn war, dass
die Gipfel aus der Eiskappe emporragten. Das Eis hat an den Felswänden
genagt und sie steiler gemacht.
In der Rorbu gab es
nur ein Bett, das wir Männer Turid überließen. Die Jungs
und ich schliefen auf dem Fußboden. Am nächsten Morgen schien
die Sonne. Wir machten einen kleinen Spaziergang durch den Ort, und es
dauerte nicht lange, bis ein Angehöriger der Lokalbevölkerung
mit uns ein Geschwätz begonnen hatte. Er wollte wissen, woher wir
kommen, und wo wir in Sund wohnen. Er berichtete auch über Erlebnisse
aus dem Krieg. Ich wies ihn auf eine Fernsehsendung hin, in der bei der
hitlerdeutschen Invasion 1940 bei Narvik die Franzosen kritisiert
wurden, weil französische Marinenschiffe auf den Ort Bjerkvik das
Feuer geöffnet hatten. Viele Zivilisten kamen dabei ums Leben. Der
Bewohner von Sund meinte, diese Kritik sei unberechtigt, denn deutsche
Soldaten hätten sich unter der Zivilbevölkerung versteckt. Ein
deutscher Soldat, den er persönlich gesehen habe, habe sogar als Tarnung
Frauenkleidung über seine Uniform geworfen. Der Mann aus Sund sagte
in seiner direkten nordnorwegischen Sprachweise: "Wir haben sofort verstanden,
dass das eine Frau mit Eiern war."
Sund liegt auf der Insel
Flakstadøy. 2 Kilometer von Sund führt eine Brücke zur
westlich gelegenen Insel (Moskenesøy) hinüber. Am Abend radelte
ich mit den beiden Jungs zu dieser Brücke. Mit den Angelruten konnten
wir von der Brücke aus die Spinnköder in die See fallen lassen.
Wir bekamen sofort unsere ersten Fische (Sei). Der kritische Punkt war
die Zeit, wo die Fische sich in der Luft zwischen Wasser und Brücke
befanden. Sie mussten nämlich über eine ansehnliche Luftstrecke
gehisst werden, und es kam oft vor, dass die Seie sich von der Angel befreien
konnten und ins Wasser zurückfielen. Jedenfalls fingen wir genug Fische
für eine Mahlzeit.
Am nächsten Morgen
mussten wir unser Quartier räumen, weil ein Verwandter unseres Nachbarn
ankommen sollte. Wir radelten deshalb zum nächsten Campingplatz. Der
lag in Ramberg, nicht weit weg, und deshalb wollten wir auch an diesem
Tag die ganze Lofotenstraße bis nach Å, hin und zurück
fahren. Unterwegs fiel es Turid ein, dass sie einfach zum Campingplatz
fahren wolle, und dann wollten auch die Jungs nicht nach Å mitkommen.
Ich bin allein zurück nach Moskenes und weiter bis nach Å gefahren.
Es passt sehr gut, dass die Lofotenstraße in Å endet, denn
å
ist im norwegischen Alphabet der letzte Buchstabe.
Das Fischerdorf Å
ist typisch für die Siedlungen in Lofoten. Genau wie in anderen
europäischen Staaten wurde auch in Nordnorwegen im 19. Jahrhundert
die Wirtschaft kapitalistisch organisiert. Å war im Besitz einer
einzigen Familie. Dem pater familias gehörten die Fischboote und die
Geräte, mit denen Tran gewonnen wurde und auf denen Kabeljau getrocknet
wurde. Der Kaufmann hatte auch den Verkauf von Fischen und Fischwaren in
seinen Händen. Die Arbeiter und deren Familien wohnten in Häusern,
die auch der Patrizierfamilie gehörten. Sie mussten auch ihre Lebensmittel
bei dem Kapitalisten kaufen. Die Produktion war wohl effektiv organisiert,
aber die Einkommen waren keinerlei gerecht verteilt
Während meiner
Radfaht hin und zurück nach Å, hatte meine Familie auf dem Campingplatz
in Ramberg einen erholsamen Tag verbracht. Das Wetter war schön, und
es gab dort einen herrlichen Sandstrand. Die Kinder konnten spielen. Alle
waren sehr gut gelaunt.
Am nächsten Tag
ging unsere Radfahrt weiter auf der Lofotenstraße. Wir legten eine
Pause an der Kirche Flakstad ein, und wir machten einen Abstecher nach
Vikten, wo unter mächtigen Bergen mit offener Sicht auf das Meer im
Westen ein finnischer Glasbläser mit seinem Kunsthandwerk tätig
war. In dem Ort Napp verkehrte die Fähre nicht mehr, dafür war
einige Tage vor unserem Eintreffen ein Tunnel unter dem Fjord eröffnet
worden. Unsere Fähre von Bodø nach Moskenes war ja zu dieser
Zeremonie "beschlagnahmt" worden. Den Tunnel unter dem Fjord hat der deutsche
Radfahrer Winfried Beer die einzige Tropfsteinhöhle von Lofoten genannt.
Der Tunnel ist 2,5 km lang, und Radfahrer dürfen ihn befahren. Das
hatte ich vor unserer Abreise festgestellt, und ich wusste auch, dass der
Tunnel beleuchtet ist. Sonst wäre es ärgerlich, wenn wir für
nur diese 2,5 km Fahrradlampen hätten montieren müssen. Doppelt
ärgerlich wäre es, wenn wir unter der ewigen Sonne Fahrradlampen
mitzuschleppen gehabt hätten. Als wir aus dem Tunnel kamen, waren
wir auf der nächsten Insel: Vestvågøy. Wir radelten bis
Stamsund. In der dortigen Jugendherberge hatten wir schon die Unterkunft
reserviert.
Wir blieben dort zwei
Nächte. An dem Ruhetag zwischen den zwei Nächten bestiegen wir
einen Berg bei Stamsund, und am Nachmittag lieh uns der Herbergsvater ein
Ruderboot aus, so dass wir angeln konnten. Früher pflegte Turid immer
mit einem Fischgerät zu angeln, an dem ein Bleilos hing. Sie ließ
die Angelschur aus, bis das Los den Boden berührte. Diese Vorgehensweise
verwendete sie auch, als sie diesmal mit Spinnköder angelte. Das Resultat
blieb nicht aus; der Haken des Spinnköders blieb am Seetang des Bodens
stecken, und er war nicht los zu bekommen. Das wiederholte sich ein paarmal.
Die Angelschnur musste jedesmal abgerissen werden. Nach zwei Stunden gaben
wir auf, dann hatten wir keinen Fisch gefangen, und vier Spinnköder
verloren.
Unsere Radfahrt ging
nun an der Südseite der Insel Vestvågøy weiter. Das Wetter
war wieder sonnig, Wind gab es kaum, und auf der flachen Asphaltstraße
ging es sehr flott voran. Die Jungs begannen von den Rädern aus, einander
zu necken, indem sie versuchten, einander aus dem Kurs zu drängen.
Ich fuhr als erster. Plötzlich hörte ich hinter mir einen furchtbaren
Krach. Kjartan war auf die Straße gefallen, und der trug Gott sei
dank einen Helm. Der Billighelm war im Fall gebrochen, aber der Junge war
unverletzt. Sveinung blutete aus ein paar Wunden an den Händen. Von
ihrem reichhaltigen Gepäck zauberte Turid Pflaster hervor, aber
sie verzweifelte, da sie in ihren Sachen keine Schere fand. Mit dem Messer
habe ich dann passende Pflasterstücke geschnitten.
An diesem Tag radelten
wir nach Svolvær, wo die Jugendherberge in einem Hotel untergebracht
war. Vielleicht war diese Kombination für den Anbieter nicht so günstig,
denn das Frühstück, das bei Übernachtung obligatorisch war,
war sehr dünn, und aufs engste portioniert. Von Svolvær radelten
wir zurück, nach da von wo wir gekommen waren. Erst sahen wir uns
das kurz zuvor eröffnete Aquarium in Kabelvåg an. Wir fuhren
noch ein Stück weiter, denn wir wollten uns die Galerie von Ola Strand
ansehen, an der wir am vorigen Tag vorbeigefahren waren, als sie geschlossen
war. Die Besichtigung zog einen Kauf nach sich. Wir erwarben uns ein mehrfarbiges
graphisches Blatt mit einem Motiv aus Lofoten. Dieses Bild hängt heute
bei uns im Wohnzimmer.
Hinterher, in Svolvær,
der Hauptstadt von Lofoten suchte Turid noch eine Gallerie auf, wo sie
ein kleines schwarz/weißes graphisches Blatt von dem Künstler
Dagfinn Bakke kaufte. Dieses Bild hängt ebenfalls in unserem Wohnzimmer.
Das Motiv ist ein Papageivogel, also ein typisches Lofoten-Motiv. Überhaupt
arbeiten wegen der eindrucksvollen Natur und der wechselvollen Farben viele
Künstler in Lofoten.
Unsere nächste
Etappe ging bis Melbu. Die Entfernung ist kurz, und weil es dahin eine
längere und ruhigere Straße gibt, radelten wir an der Westseite
der Insel Austvågøy. Einige Kilometer vor dem Fähranleger
Fiskebøl kamen wir an einer Holzschnitzerwerkstatt vorbei, wo ein
Schild Leute zum Angucken einlud. Der Schnitzler hatte sich auf die Anfertigung
von kleinen Holzfiguren spezialisiert, die einen kleinen Mann zeigen, der
auf einem Angelhaken sitzt. Das ist der Mermel. In Lofoten gibt es eine
Sage, dass der Mermel sich auf die Angelhaken der Fischer setzt. Da isst
er den Köder auf, anschließend ruckt er an der Leine. Wenn der
Fischer das Rucken merkt, zieht er die Angelschnur ein, entdeckt die köderlose
Angel, und sagt: "Der Mermel war da."
In Melbu findet jährlich
ein Musikfestival statt. Bekannt ist das Festival wegen des Konzertes,
das in einem Heringtank einer ehemaligen Fischfabrik abgehalten wird. Es
gab leider kein solches Konzert zu der Zeit, als wir in Melbu verweilten.
An einem Tag radelten wir nach Stokmarknes, wo wir durch die Straße
bummelten. Wir wurden da von einem missionierenden norwegischen Vertreter
des Glaubens Hare Krishna angesprochen. Als wir unser Desinteresse gezeigt
hatten, hatten wir mit ihm ein nettes Gespräch über Lofoten,
Reisen und Radfahren. Nachher fragte uns ein deutscher Radfahrer, ob wir
deutsch sprechen, denn wir mussten ihm helfen, im Radgeschäft die
Panne seines Fahrrads zu erklären. Der Radfahrer stammte aus der Insel
Borkum. Sveinung und Kjartan betrachteten ihn mit Aufmerksamkeit. Hinterher
sagten sie, was an ihm so interessant sei; an den Rahmen seiner Brille
habe er einen kurzen Zahnarztspiegel angelötet. So stand ihm unterwegs
ein kleiner Rückspiegel zur Verfügung.
Nun waren wir zwar nicht
mehr in Lofoten. Nachdem wir mit der Fähre in Melbu angekommen waren,
befanden wir uns in der Gegend Vesterålen. Unsere Radfahrt ging am
Eidsfjord der Langøya weiter, wo die Straßen zum Teil nicht
befestigt waren. Um nach Sortland zu gelangen, mussten wir über eine
Anhöhe fahren. Die Straße nach unten war gerade, asphaltiert
und übersichtlich. Ich konnte einfach lossausen. Plötzlich sehe
ich ganz ohne jegliche Warnung vor mir ein Viehgitter. Ich kann die Geschwindigkeit
nicht genug reduzieren, und muss einfach über das Gitter brausen.
Glücklicherweise hielten die Felgen ohne Beulen. Die anderen sahen
rechtzeitig, dass ich versuchte abzubremsen, und sie hatten kein Problem,
die Geschwindigkeit ausreichend zu reduzieren. Am Abend in Sortland, wo
wir uns auf dem Campingplatz eine Hütte gemietet hatten, regnete es
entsetzlich.
Am nächsten Morgen
war der Regen vorbei, und wir fuhren über die Brücke zur nächsten
Insel, deren Namen ich noch aus meiner Schulzeit behalten habe. Hinnøya
ist mit 2 198 Quadratkilometern die größte Insel Norwegens.
Nach 60 km waren wir in Lødingen, wo wir mehrere Stunden auf das
Katamaran-Schnellboot warten mussten. Es fiel mir auf, dass das Boot über
zwei Decks verfügte. Bei Niedrigwasser konnten die Passagiere über
das obere Deck an Land kommen. Die Schnellboote bei uns im Süden von
Norwegen hatten damals nur ein Deck, und wegen der Gezeiten brauchten sie
auch keine zwei Decks, denn in Südnorwegen ist der Tidenhub nur 50
cm, in Nordnorwegen dagegen 2 m. Das Katamaran-Schnellboot brachte uns
nach Narvik. Dieses Gebiet heißt Ofoten, und die Erzbahn zwischen
Kiruna und Narvik heißt auf der norwegischen Seite der Grenze Ofotbanen.
Diese wollte ich mir am nächsten Tag ansehen.
Per Bahn und ohne Fahrrad
reiste ich zur schwedischen Grenze. Ich wollte die Züge der
Erzbahn zwischen Kiruna und Narvik lineside erleben. Sehr eindrucksvoll
ist die Landschaft, wo es steil zu Rombaksfjorden, dem inneren Teil des
Ofotfjordes hinuntergeht. Die schweren schwedischen Elektroloks der
Baureihe Dm3 sind ein besonderes Erlebnis. Sie sind Stangenloks, und die
tanzenden Stangen bringen viel Bewegung ins Bild. Am Abend, während
ich im Bahnhof auf den Zug Richtung Narvik wartete, fuhr ein Lokalzug aus
Narvik ein. Ein Fahrgast sagte, er sei Lokführer, und lud mich zu
einer Führerstandmitfahrt ein, aber erst musste ich in dem Lokalzug
Richtung Osten nach Vassijaure mitkommen, wo er einen Reisezug abholen
sollte. An diesem Bahnhof findet Personalwechsel zwischen SJ und NSB statt.
Während wir auf den Zug warteten, den der Lokführer nach Narvik
fahren sollte, zeigte er mir den Tagesraum des norwegischen
Personals, wo mir die reiche Auswahl an graphischen Blättern des Lofoten-Künstlers
Kaare Espolin Johnson auffiel. Dieser Künstler hat aus Lofoten etwas
düstere Bilder in Schwarz-weiß gemacht. Die Bilder geben ganz
andere Impressionen von Lofoten wieder als die unserer sommerlichen
Radfahrt. Die Eisenbahnfahrt nach Narvik zurück war etwas Besonderes.
Bahn und Landschaft durfte ich aus der Sicht des Lokführers
erleben. Von hoch oben am Berghang hatten wir einen guten Blick auf Rombaksfjorden.
Der Lokführer zeigte auf einige aus dem Krieg liegengebliebene Schiffswracks.
Während meiner
Erlebnisse an der Erzbahn, hatten Turid, Sveinung und Kjartan die Stadt
besichtigt. Bevor wir am nächsten Tag Narvik verlassen konnten, riefen
wir wegen der Rückreise die Ofoten Vesteraalen dampskibsselskab an.
Wir beabsichtigten von Stokmarknes mit der Hurtigrute nach Bodø
zu reisen. Wir wussten schon, dass an diesem Tag wegen der Festspiele die
Hurtigrute in Melbu außerplanmäßig anlegen würde.
Wir wollten deshalb wissen, ob das Folgen für den Fahrplan habe. Die
Telefonistin der Reederei war über unsere Frage sehr erstaunt, und
sagte, dass die Hurtigrute wie immer verkehre.
Jetzt ging es Richtung
der Stadt Harstad. Erst mussten wir 20 km auf der vielbefahrenen norwegischen
Nord-Südstraße fahren, wo die Nordkapfahrer mit ihren Wohnmobils
ewig unterwegs sind. Wir haben uns entschieden, dass Turid und Kjartan
mit dem Bus reisen sollten. Sveinung und ich radelten auf der Hauptstraße.
Wir kamen in Bjerkvik an, wo in den Kriegstagen 1940 französische
Schiffe auf diesen Ort geschossen hatten. In Bjerkvik machten wir eine
Pause, und vor der Steigung zu 330 m ü d M stärkten wir uns mit
einer Schokolade. Ich bemerkte auf einer kleinen Rasenfläche einen
Radfahrer, der sich ausruhte. Er startete vor uns, aber auf der Steigung
konnten Sveinung und ich ihn einholen. Und - der junge Mann war tatsächlich
Franzose. Er musste eine lange Strecke gefahren sein, denn er war ganz
erschöpft. Er erzählte, er sei mit dem Rad zu den Lappengebieten
unterwegs, und wolle eine Abhandlung über die Urbevölkerung des
hohen Nordens schreiben. "Lappen" sollte man nicht mehr sagen. Im Norwegischen
wird immer die Bezeichnung Same verwendet. Im Grunde genommen brauchte
der französische Velofahrer eigentlich nicht viel weiter zu fahren,
denn die Gebirgsgipfel dieser Umgebung tragen schon samische Namen.
An der nächsten
Straßenkreuzung warteten wir auf Turid und Kjartan. Auf der Nebenstraße
durch das Gebiet Gratangen radelten wir erst Richtung der Fähranleger
Myrlandshaugen. Normalerweise achte ich nie auf Besonderheiten an vorbeifahrenden
Autos. Diesmal habe ich es trotzdem getan, weil mir die Autokennzeichen
zweier Autos auffielen. Hinten trugen die beiden Autos das Nationalitätszeichen
D. Es handelte sich also um DDR-Autos, deren Insaßen im ersten Sommer
nach dem Mauerfall diese Gegend von Norwegen besuchen wollten.
Als wir in Ost-Westrichtung
über die Insel Rolla rollten, hatten wir ein fabelhaftes Wetter. Wir
hatten viel Zeit, bis die Fähre nach Harstad ablegen würde, und
unsere Inselfahrt konnten wir wirklich genießen. Jahre später
habe ich im Internet den Radbericht der französischen Familie
Huard gelesen. Die beklagten sich über den harten Regen auf ihrer
Radfahrt über diese Insel. Genau wie die französische Familie
setzten wir mit der Fähre nach Harstad über, aber im Gegensatz
zu dieser Familie übernachteten wir in der Jugendherberge und nicht
in einem Container im Hafen.
Nach zwei Tagen ging
es mit dem Fahrrad nach Sortland weiter, wo wir auf demselben Campingplatz
übernachteten wie eine Woche zuvor. In Sortland wachten wir zu einem
Tag mit maximal schönem Wetter auf. Wir radelten an der Küste
von Langøya entlang. Ich hatte mir inzwischen ein geübtes Auge
für ursprüngliche Streckenführungen der Straße zugeeignet,
und bei neuangelegten Umgehungsstraßen, konnten wir die alte Strecke,
an den Häusern vorbei, nehmen. Sind vielleicht inzwischen nach
10 Jahren Hinweisschilder für Velotouristen aufgestellt? In Stokmarknes
sollte die Hurtigrute erst nach mehreren Stunden ankommen. Wir verbrachten
die Zeit mit Minigolf, bis es Zeit war, sich zum Anleger zu begeben. Was
bekamen wir da zu hören? "Die Hurtigrute wird heute Stokmarknes nicht
anfahren, weil das Schiff in Melbu anlegen wird."Wir protestierten und
sagten, wir hatten uns schon wegen dieser Möglichkeit erkundigt. Die
Angestellten der Ofoten und Vesteraalen Dampskibsselskab, wiesen darauf
hin, dass bald ein Katamaran-Schnellboot Richtung Bodø ankommen
werde. Was ich dabei bedauerte, war dass das Schnellboot keinen Abstecher
in den engen Trollfjord machen würde, so wie es die Hurtigrute immer
macht. Meinen Frust teilte ich auch dem Personal der Reederei mit, während
wir an Bord gingen. Als wir auf der Höhe des Trollfjords waren, kam
eine Durchsage, dass das Boot für die Passagiere eine extra Runde
in den Trollfjord machen werde. Da haben wir uns wirklich gefreut, und
bei dem schönen Wetter war dieser Abstecher zwischen den steilen Felsen
ein tolles Erlebnis.
Mit dem Schnellboot
erreichten wir am Abend Bodø, viel früher als mit der Hurtigrute,
und wir konnten uns in der Jugendherberge ein Zimmer besorgen. In
der Nacht auf der Hurtigrute hätten wir kaum eine Kabine bekommen.
Mit der Eisenbahn und mit vielen schönen Eindrücken von Land
und Leuten, und schließlich auch von der Ofoten og Vesteraalen dampskibsselskab,
verließen wir Bodø Richtung Süden.
Mit freundlichen Radlergrüßen
temelhei@online.no
http://home.online.no/~temelhei/
PS. Ein wichtiger
Faktor für den Erfolg unserer Radreise war das Wetter. Norwegen ist
so lang, dass sich ein Tiefdruckgebiet entweder über Südnorwegen
oder Nordnorwegen befindet, nie über den beiden Landesteilen gleichzeitig.
Von zu Hause in Südnorwegen hatten wir schon während der VeLOfotentour
gehört, dass daheim gebliebene Freunde sich über das Wetter beklagten. |
Im Wort Hurtigrute stammt der letzte Teil
aus dem Französischen "Route" und bezeichnet sowohl die Fahrstrecke
der Schiffe als auch die einzelnen Schiffe. Als im 19. Jahrhundert die
europäischen Staaten durch den Bau von Eisenbahnen ihre territoriale
Integrität sicherten, richtete Norwegen die Hurtigrute ein.
Die Eisenbahnlinie bis Bodø wurde
erst 1962 eröffnet.
Die Bahnstrecke zwischen Bergen und Bodø
ist ganze 1753 km lang. Die Bahnentfernung Flensburg-Füssen
ist 1136 km
Diese Fähre wird von der Reederei
Ofoten og Vesteraalen Dampskibsselskab betrieben. Diesen Namen solltet
ihr euch merken, denn ich komme später im Bericht auf diese Schiffsgesellschaft
zurück.
In der Mitte die Rorbu unseres Nachbarn.
Der Buchstabe
å
wird
wie ein deutsches o gesprochen, wird aber å geschrieben,
weil dieser o-Laut aus einem a stammt. Der norwegische Ortsname Å
hat dieselben Wurzeln wie das deutsche Wort Au.
Winfried Beer schreibt:
Die längste
Tropfsteinhöhle der Lofoten, mit Fuß- und Radweg
- der Nappstraumentunnel
- ist ein Problem. Man hört auch ein gewaltiges Rauschen, vermutlich
aber nicht vom Mahlstrom über
mir, der schon
Edgar Allan Poe und Jules Verne angeregt hat,
sondern von
den vorbeifahrenden Lkws.
Seinen Bericht findest
du hier
Ola Strand: Dunkelzeit
Dagfinn Bakke: Lunde (Papageivogel)
Der Mermel sitzt auf dem Angelhaken
Diese Landkarte verwirrt
wohl. Wir blieben mehrere Tage in der JH in Melbu. An einem Tag radelten
wir nach Stokmarknes und zurück. Auf der weiteren Fahrt Richtung Sortland
folgten wir der Westseite der Halbinsel.
Eine Mahlzeit im Grünen
Schnellboot
nach Narvik
Ein graphisches Blatt des Künstlers
Kaare Espolin Johnson.
Fähre nach
Harstad
Eine radfahrende französische Familie
hat im Internet geschrieben:
Les 16 km de la petite île de Rolla
sont effectués sous une pluie battante.
Ihren Velobericht findet ihr hier
Schönes Wetter in Sortland.
Unterwegs mit dem Katamaran-Schnellboot
in Lofoten
Weitere Internet-Literadtour über
Lofoten
Auf Deutsch:
Winfried
Beer (1998)
Winfried
Beer (2000)
Karin
Ott, Klaus Köstler
Daniel
Zwick (2001)
Daniel
Zwick (2003)
Auf Englisch:
Patrick
Fox
Fiona
and Willem van Schaik
Susanne
and Ole Jacoby
Minko
Oh
Auf Französisch:
Jaqueline
et Patrick Huard
|