| Radrunde in
Norwegen
2003
Terje Melheim Im Mai mache ich meiner Mitradlerin Turid einen Vorschlag: Unsere Radtour dieses Jahres starten wir in Kristiansand, ganz im Süden von Norwegen, von dort radeln wir an der Küste entlang, Richtung Nordosten, und dann durch das Numedal. Von Geilo fahren wir entweder über Rallarvegen oder über Hardangervidda. "Dann fahren wir über Hardangervidda", sagt Turid, "denn das ist für uns kürzer." Gut, dann haben wir uns also für die Radtour 2003 entschieden. Die Radtour geht im eigenen Lande, und wir brauchen keine umständliche Flugreise mit Ticketbuchung und Fahrradkartons. Die einzige Vorbereitung ist außer der technischen Besichtigung der Fahrräder die Buchung eines Sitzplatzes und eines Fahrradplatzes im Zug von Stavanger nach Kristiansand. Obwohl wir zwei Radler sind, brauchen wir nur eine Fahrkarte, denn ich habe mir schon vorgenommen, fünf Tage vor Turid zu starten, und so lege ich die Strecke nach Kristiansand per Rad zurück. Es ist ein schönes Gefühl, schon vor der Haustür das Rad mit Radtaschen, Zelt und Schlafsack zu bepacken und einfach auf Radtour gehen. Diesen Radbericht
schreibe
ich auf Deutsch. Die meisten Tourenradler, die ich unterwegs in
Norwegen
treffe (bzw. Turid und ich treffen), sind Deutsche, und deshalb glaube
ich, dass mehr Deutsche Interesse an diesem Bericht finden. Auch werden
die Hinweise und die Rad!schläge, die im Bericht stehen,
zukünftigen
Norwegenradlern von Nutzen sein.
Erster Teil: Über die Berge nach Kristiansand. Um über das
Haukelifjell
Richtung Kristiansand zu kommen, muss ich vom westnorwegischen
Fjordniveau
auf 0 Meter Höhe das 1000 Meter hohe Haukelifjell erklimmen, aber
das ist nicht alles, denn vor Haukelifjell muss noch eine Steigung von
860 Metern überwunden werden. Dazwischen liegt Røldal, wo
ich
hinunter bis 360 Meter über dem Normalnull rolle. Eigentlich
hätte
ich den Anstieg vor Røldal nicht nötig, denn durch den Berg
führt ein 4,6 km langer Tunnel, der für Radfahrer nicht
gesperrt
ist, aber die alte, schmale und fast verkehrslose Straße
über
den Berg ist viel schöner als das Tunnellloch.
Bei der Abfahrt, kurz vor Røldal werde ich von einem Mann angehalten, der mich mit buon giorno grüßt. Ein Italiener sucht verzweifelt nach einer Tankstelle, wo er sein Wohnmobil mit Diesel tanken kann. Erst weiß ich von keiner Tankstelle, aber ein örtlicher Radfahrer, der auftaucht und der sich auskennt, kann ihm helfen. Das ist übrigens ein ganz eigenartiges Erlebnis, dass ein Tourist kein Englisch spricht, und ich habe schon das richtige Feriengefühl, das ich aus Italien und Spanien kenne. In Røldal beginnt eine neue Kletterstrecke von 360 auf 1000 Meter. Die Steigung lässt sich in einem niedrigen Gang gut bewältigen, aber schlimmer ist, dass es in dieser Höhe zu regnen anfängt. Die Tunnel, die die Straße winterfest machen, lassen sich im Sommer auf der alten Passstraße gut umfahren. Als ich im Regen und Gegenwind das Hotel Haukeliseter erreiche, bin ich nass, und beginne gleich zu frieren. Ein Mittagessen, das übrigens schlecht und teuer ist, aber im Trockenen verzehrt werden kann, hilft auch nicht so sehr. Ich ziehe dann meinen schweren wasserdichten Poncho über, und ironischerweise hört der Regen gleich auf. Unten in Haukeligrend ist alles trocken und die Luft ist angenehm warm und da sind auch viele Menschen. Ich fühle mich viel besser als oben auf dem regnerischen und kalten Haukelifjell. Obwohl es Sonntag ist, ist ein Lebensmittelladen in Haukeligrend offen. Ich fühle mich gleich wie im Paradies und brauche mir keine Sorgen wegen zu wenig Essen zu machen. Am nächsten
Tag, also
an einem Montag erreiche ich den Ort Eidsborg. Da sehe ich mir die
Stabkirche
an. Touristen in Norwegen sind wohl dem Begriff Stabkirche begegnet. Im
Mittelalter wurden die Kirchen aus Holz mit vertikalen Stämmen
gebaut,
die auf einer kleinen Mauer und einer Holzschwelle ruhen. Stabkirchen
gab
es auch in anderen europäischen Ländern, aber die meisten von
ihnen wurden im Laufe der Zeit abgerissen. In Norwegen blieben die
meisten
erhalten, obwohl gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch in Norwegen
viele
abgerissen wurden.
Von Eidsborg nach Dalen geht die Straße in Serpentinen sehr steil hinunter. Trotz einer Lage 100 km von der Küste entfernt liegt Dalen nur 80 Meter über Normalnull. Dalen liegt am Ende des Sees Bandak. Zwischen mehreren Seen wurde im 19. Jahrhundert ein Kanal gebaut, so dass im Sommer Schiffe von der Küste bei Skien auf dem Telemarkkanal bis nach Dalen fahren. In Dalen steht auch ein großes, sehr eindrucksvolles Hotel im norwegischen Drachenstil. Von Dalen fahre ich auf einer schmalen Schotterstraße am Ufer des Bandaksees. Die Straße ist als Radroute ausgeschildert und ich fühle mich auf dem sicheren Weg, auch als die Straße in Serpentinen wieder zu steigen anfängt und ich die verlorene Höhe bei Dalen wieder zurückgewinnen muss. Die Fahrt geht nun nach Fyresdal, wo ich gleich rechts abbiege. An dem See Nesvatn muss ich bis 500 Meter Höhe hinauffahren (und zum Teil schieben). Schlimmer ist, dass die Straße wegen Ausbesserung ohne Asphalt ist. Die Schotterdecke ist sehr schlecht, es macht das Fahren mit dünnen Reifen schwierig, und das für 20 km. Im Ort Åmli rufe ich zu Hause an, um zu sagen, dass ich mich Kristiansand nähere, und das Treffen mit Turid und mir in Kristiansand, kann wie vereinbart stattfinden. In Åmli entscheide ich mich für die Weiterfahrt, bis ich eine geeignete Stelle finde, wo sich zelten lässt. Es beginnt zu regnen, erst ganz ruhig, dann sehr hart. Ich ziehe meinen Poncho über und fahre los. Es regnet so sehr, dass ich kaum auf die Karte sehen kann, und von der Landschaft sehe ich auch nicht so viel. Geeignete Zeltplätze finde ich auch nicht, und nach einer Tagesetappe von 130 km sehne ich mich sehr nach Ruhe und Schlaf. Den Campingplatz, der laut Karte bald auftauchen soll, gibt es nicht mehr, aber auf dem Gelände des ehemaligen Campingplatzes lässt sich ein Zelt aufbauen. Das Dach eines alten Kiosks bietet auch dem Fahrrad etwas Schutz vor dem Regen. Das Gras ist nicht gemäht, und bevor ich das Zelt aufgebaut habe, sind meine Schuhe und Füße sehr nass. Vorsichtshalber frage ich im benachbarten Bauernhof, ob ich da zelten darf. Den alten Mann, der da allein wohnt bitte ich um ein paar alte Zeitungen. Zeitungspapier absorbiert Wasser, und so kann ich während der Nacht Hemd und Schuhe einigermaßen trocknen. Am Morgen kann ich mit Zufriedenheit feststellen, dass der Regen aufgehört hat, und die Sonne scheint. Heute geht es auf Nebenstraßen erst Richtung Westen und dann bergab Richtung Süden. In Iveland will ich mein Rad untersuchen, denn der Freilauf kracht merkwürdig, und dazu ist beim Ansteigen die Kette instabil und verschiebt sich plötzlich und landet auf einem neuen Ritzel. Vor dem Gemeindehaus in Iveland baue ich das hintere Laufrad aus, und indem ich es abnehme springen vom Freilauf die kleinen Kugeln heraus. Der Ring, der das Ritzelpaket hält, ist weg, und das Ritzelpaket sitzt lose auf der Achse. Wahrscheinlich sollte ich den Freilauf mehr schmieren. Es sieht so aus, dass ich ernste Probleme für die Weiterfahrt haben werde. Um meine Nerven zu beruhigen, gehe ich erst in das Gemeindehaus, um mir die Hände zu waschen. Im Gemeindehaus ist auch eine feste Ausstellung von reichen Mineralienfunden, die in Iveland gemacht worden sind, aber die schönen, farbenfröhlichen Mineralien kann ich nicht richtig schätzen und genießen, denn in meinen Gedanken rumoren das Fahrrad und das lose Ritzelpaket. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass sich das Ritzelpaket an seinem Platz hält, obwohl der Ring, der die Cassette festhalten soll, fehlt. Die kleinen Federn rasten ein, es lässt sich gut treten, und es rollt auch gut bergab. Auch lässt sich die Schaltung bedienen. In dem Freilauf kracht es aber immer sehr, und ich weiß, dass ich so schnell wie möglich ein neues Ritzelpaket kaufen muss. Von Iveland geht es flott bergab, und bei einem Rechtsabbiegen erreiche ich den Fluss Otra und die Trasse der alten Setesdalsbahn. Die Trasse ist asphaltiert und als Radroute nr. 3 beschildert. In Røyknes muss ich die Trasse verlassen, denn da liegen Schienen. Auf 6 km wird die alte Setesdalsbahn als Museumsbahn betrieben, und im Jahre 2004 soll die Bahn bis Røyknes wiedereröffnet werden. Die Straße, der ich weiter folge ist eine Schotterstraße und für Autoverkehr gesperrt. In Grovane nehme ich die Hauptstraße Richtung Kristiansand, aber schon im Ort Vennesla frage ich in einem Fahrradgeschäft nach einem Ritzelpaket, und das Wunder geschieht: Im Geschäft haben sie das richtige Ritzelpaket. Das kaufe ich gleich und dazu eine neue Kette. Ich baue Ritzelpaket und Kette schnell ein, und erleichtert fahre ich, nachdem ich in einer Cafeteria eine warme Mahlzeit gehabt habe, nach Grovane zurück. Ich möchte
mir die Setesdalsbahn
etwas genauer ansehen. Die Setesdalsbahn war ursprünglich eine
isolierte
schmalspurige Kleinbahn, die die Küstenstadt Kristiansand mit
ihrem
Hinterland verband. Als die Setesdalsbahn 1962 eingestellt wurde, wurde
auf einer Teilstrecke ein Museumsbetrieb errichtet. In Grovane steige
ich
in einen Holzwagen der Setesdalsbahn ein. Der Zug wird von einer
Dampflok
gezogen. Die Fahrt geht durch ein schluchtähnliches Tal an dem
Fluss
Otra entlang. Ich genieße die Fahrt, und das tun auch die
mitfahrenden
Teilnehmer einer britischen Railgruppe. Jeder Fensterplatz ist von
einem
videofilmenden Railfan besetzt.
Als der Zug einen Staudamm erreicht, ist
Endstation. Die neuverlegte Trasse führt weiter, zum neuen
Endbahnhof
Røyknes, aber erst im nächsten Jahr wird das neue Gleis
befahrbar
sein. An der heutigen Endstation sind Bänke und Tische
aufgestellt,
und an dem Stausee gibt es auch eine Rasenfläche. Es sieht sehr
schön
aus. Ein Umlaufgleis ermöglicht das Umsetzen der Lok, so dass
für
die Rückfahrt die Lok ans richtige Ende des Zuges kommt.
Am nächsten
Tag fahre
ich eine kurze Strecke, nur nach Kristiansand, wo ich mich um 16 Uhr am
Bahnhof einfinde, weil Turid mit dem Zug von Stavanger kommt. Wir
begrüßen
uns herzlich, und das erste Thema ist: Wo werden wir für die Nacht
das Zelt aufschlagen. Ich mache Turid zwei Vorschläge: Fahren wir
zum Campingplatz, wo wir wegen eines andauernden Rockfestivals in
Kristiansand
vielleicht nicht so gut schlafen werden? Oder fahren wir zum Endpunkt
der
Setesdalsbahn, wo wir auf einer Rasenfläche in einer schönen
und absolut ruhigen Landschaft das Zelt aufschlagen können? Turid
braucht nicht lange zu überlegen, und deshalb finde ich mich
am Abend zum zweiten Mal an der Endstation der Setesdalsbahn ein.
Zweiter Teil: Die Küstenroute Kristiansand - Larvik. Am nächsten Morgen wachen wir in einer schönen Natur zu einem herrlichen Morgen auf. An dem See frühstücken wir, bevor wir die erste gemeinsame Tagesetappe antreten. Auf kleinen Nebenstraßen radeln wir Richtung Grimstad. In dieser Landschaft geht es viel auf und ab. Im Ort Birkeland kaufen wir Essen und haben eine Mahlzeit, und da fährt ein junges Radlerpärchen an uns vorbei. Die Frau befördert ihr Gepäck in einem einrädigen Trailer hinter ihrem Fahrrad. Turid und ich versuchen zu erraten, aus welchem Land die beiden kommen mögen. Norwegen, Deutschland, Schweden? Die Straße
weiter Richtung
Grimstad ist schmal und steil und absolut verkehrsruhig. Unsere
Straßenwahl
ist viel günstiger als die ausgeschilderte Radroute zwischen
Kristiansand
und Lillesand, obwohl wir mit unserer Wahl die Stadt Lillesand
auslassen.
Kurz vor Grimstad treffen wir auch auf die markierte Radroute, und da
sehen
wir das radfahrende Pärchen wieder. Sie machen am
Straßenrand
eine Pause. Wir halten an. Ich sage etwas auf Norwegisch. Auf Englisch
wird dann geantwortet, aber gleich wird dann auch festgestellt, dass
die
beiden aus Deutschland kommen. Ich erzähle ihnen, dass sie sich
auf
einer ausgeschilderten Radroute befinden, und sie brauchen einfach den
Schildern nach Grimstad zu folgen. Das machen auch Turid und ich, aber
wir fahren nicht mit den deutschen Radlern zusammen. Grimstad ist die
erste
Kleinstadt auf unserer Tour, wo uns kleine, weißgestrichene
Holzhäuser
begegnen. Zwischen den Häusern befinden sich kleine Gassen mit
vielen
Menschen. Die Stadt passt genau zu den romantischen Vorstellungen, die
Norweger von den Kleinstädten der Südküste ihres Landes
haben. In solchen Umgebungen wünschen viele Norweger, ihre Ferien
zu verbringen. Auf dem Campingplatz, zehn Kilometer von der Stadt,
bauen
wir unser Zelt neben dem des deutschen Pärchen auf. Sie laden uns
zu einem Kaffee ein, und trotz wiederholter Mückenangriffe haben
wir
ein interessantes Gespräch. Sie stammen aus Bad Tölz.
Ich
gebe ihnen Rad!schläge für die weitere Fahrt in Norwegen. Die
Frau ist mit dem einrädigen Trailer hinter dem Fahrrad sehr
zufrieden,
weil das Fahrrad an dem kein Gepäck hängt, leichter wird,
aber
sie muss zugestehen, dass der Trailer beim Bergabfahren das Bremsen
erschwert.
Das Pärchen treffen wir auch einmal am nächsten Tag, während wir uns der Stadt Arendal nähern. Weiter halten wir uns zu der Radroute und durchfahren noch mehr schöne Kleinstädte mit weißen Holzhäusern. Es sind die Städte Tvedestrand, Lyngør, Risør und Kragrø. In Kragerø treffen wir ganz kurz das junge Pärchen wieder, aber das ist zum letzten Mal. In Tvedestrand kommen wir Sonntag Abend an. Die Stadt hat gerade den Status als Buchstadt erhalten, und wir finden viele Antiquvariate. Zu unserer Überraschung sind sie auch am Sonntag Abend auf. Wir sind neugierig, und gehen in einen Buchladen, und wollen uns die alten Bücher ansehen, die für uns Erinnerungen wachmachen. Aber wir sagen dem Besitzer, dass wir auf Radtour sind, und dass wir wahrscheinlich nichts kaufen werden. Unser Wort können wir nicht halten, als der Antikquariatsbesitzer uns anbietet, die gewünschten Bücher ohne zusätzliche Gebühr zu uns nach Hause mit der Post zu schicken. Wir halten uns an der Radroute 1, und nach 15 km sind wir in Gjeving. Da zelten wir, und am nächsten Morgen lassen wir Zelt, Gepäck und Fahrräder am Campingplatz zurück. Wir begeben uns zu Fuß zu dem Anleger, wo das Boot nach Lyngør ablegt. Lyngør ist eine alte Stadt für Seeleute. Der Ort ist sehr idyllisch ohne Straßenanbindung. Wir gehen auf schmalen Betonwegen spazieren, aber jedesmal, wenn wir abbigen wollen, steht da ein Schild mit Privat. Wohlhabende Leute haben die Häuser für Ferienwohnungen aufgekauft. Wir bleiben da nur ein par Stunden und fahren mit dem Boot ans Festland zurück. Die Radroute bringt uns auf einer schönen, schmalen Straße mit schönen Stützmauern und engen Einschnitten Richtung Risør. 20 km vor Risør hat sich leider die Straße in eine breite Straße mit viel Verkehr verwandelt. In Risør müssen wir feststellen, dass die Stadt über keinen Campingplatz verfügt. Wir entscheiden uns schließlich, das Zelt auf einem öffentlichen Badeplatz aufzuschlagen. Das geht gut, ungestört stehen wir zu einem schönen Morgen auf. Im Hafen fährt eine Fähre Richtung Norden ab. Ich möchte lieber den Fjord umfahren, aber Turid möchte mit der alten Fähre übersetzen. Ich gebe ihr einen Teil von meinem Gepäck mit, das sie während der Fährfahrt mitbefördert. Geschwind mache ich die Fjordumrundung und treffe mich nach 34 Kilometern mit Turid an der Anlegestelle der Fähre. Da wartet sie seit einer halben Stunde. Nach 20 neuen Kilometern müssen wir noch eine Fähre nehmen, um nach Kragerø zu kommen. Die Küstenstraße Richtung Nordosten ist schmal und mit wenig Verkehr. Kein Wunder, dass hier auch die Radroute 1 entlangfährt. Die Straße weist aber viele Steigungen auf, und Turid wird langsam müde. Ich muss mehrmals auf sie warten. Jeden 5. Kilometer warte ich, denn jedesmal, wenn ich auf sie warte, will sie eine zusätzliche Pause haben, und mit zu vielen Pausen kommen wir zu langsam vorwärts, also deshalb Warten und Pause nur bei jedem 5. Kilometer. Ich lege die Pausen da ein, wo ich am Straßenrand Wilderdbeeren entdecke. Ich pflücke eine Handvoll und überreiche sie Turid, wenn sie kommt. Sie freut sich sehr über diese Geste. Diese Anpassung an die Formkurve von Turid funktioniert gut, bis ich einen Radfahrer einhole, mit dem ich ins Gespräch komme. Es zeigt sich, dass er in demselben Gebiet wie ich bei Bergen aufgewachsen ist. Während wir schwätzen, fahren wir weiter, und ich fahre zu weit, viel mehr als 5 km, bevor ich mich von dem Radfahrer verabschiede, weil ich auf Turid warten will. Sie ist sehr böse, als sie mich erst nach 8-9 Kilometern wieder sieht. Die Radroute 1,
zu der wir
uns halten, nähert sich der Hauptstraße E 18. Um diese
Straße
zu vermeiden, ist die Radroute über ein Stück schlechten
Schotterweges
geführt worden. Da gibt es unwahrscheinlich steile Partien, und
ich
ärgere mich sehr, dass Radfahrer mit viel Gepäck auf eine
solche
Strecke umgeleitet werden, denn der schlechte Weg ist viel länger
und mit seinen Steigungen viel schwerer als die Hauptstraße. Die
Radroute 1 ist Teil der Nordseeradroute. Der deutsche Tourenradler
Martin
Wittram ist im Jahre 2002 die Nordseeradroute von Hamburg bis
Kristiansand
gefahren. Ihn begeistern die Verkehrsschilder der Radroute an dieser
Stelle,
die den Benutzern der Radroute angepasst sind. Martin Wittram hat ein
Foto
von diesem Schild und ich habe mit Erlaubnis das Bild von seinem
Bericht
kopiert. Martin Wittrams Bericht Nordseeradroute Hamburg-Kristiansand
steht
auf http://www-public.tu-bs.de:8080/~wittram/reisen/Nordsee2002/Nordsee5.html
Als wir auf eine normale Straße mit Asphalt kommen, fahren wir schnell nach Langesund. Wir haben nicht so viel Zeit, bis das kleine Schiff nach Helgeroa abfährt. Ich habe vor der Abreise im Internet die Fahrtzeiten gefunden und kann unsere Fahrt den Fahrtzeiten des Schiffes anpassen. Nach Helgeroa macht das Schiff einen Umweg an vielen Klippen, Engpässen und Sommerhäuschen vorbei. Helgeroa liegt auf der Halbinsel Brunlanes, und die ganze Halbinsel ist eine große Moränenablagerung. Wir finden eine flache Landschaft mit Wald und landwirtschaftlichen Flächen. Die Sehenswürdigkeiten sind vorhistorische Grabhügel und Kirchen aus dem Mittelalter. Die kleine Stadt Stavern hat Martin Wittram so beschrieben: "Es stehen ein paar Kanonen herum". Stavern ist die erste Marinenbase in Norwegen und stammt aus dem 18. Jahrhundert. Stavern ist auf dem Seeweg der Punkt in Norwegen, den man von Kopenhagen aus am leichtesten erreicht, und Norwegen wurde ja damals von Kopenhagen regiert. Die Küste von dem damaligen Feindesland Schweden liegt ja nur 60 km weg, also eine ideale Lage für eine Marinenbase. Unterwegs nach
Larvik sehen
wir neben dem Radweg ein Haus, wo der Besitzer einen dichten Holzzaun
als
Lärmschutz vor der Straße errichtet hat. Dem Blick auf die
See
will er sich aber nicht entgehen lassen, und hat im Zaun Öffnungen
mit Glas eingebaut. Sie sind reine Vogelfallen und davor liegen mehrere
Vögel. Die Fenster im Zaun würde ich ein ökologisches
Verbrechen
nennen. Dann kommen wir in Larvik an. Es nieselt, und wir sind reif
für
Museen. Larvik Museum hat eine Sammlung seltener Ergussgesteine. Als in
der geologischen Geschichte Westnorwegen von dem Rest von Skandinavien
abzutreiben drohte und der Oslofjord entstand, kamen bei Larvik viel
Ergussgestein
an die Oberfläche. Nach Larvik ist das besondere Gestein Larvikit
genannt. In einem anderen Museum, in dem Schifffahrtsmuseum werden die
Ausgrabungen in der alten Handelsstadt Kaupang vorgestellt. Kaupang lag
etwas östlich von Larvik und die Stadt existierte gleichzeitig mit
anderen skandinavischen Handelsstädten wie Birka und Heithabu.
Eine
andere Bezeichnung für Handelsplatz ist Wik, und in der
Sagaliteratur
heißt das Gebiet um den Oslofjord Wiken, also da wo Kaupang lag.
Die Krieger, die Angriffe gegen das Reich Karls des Großen
durchführten,
stammten wahrscheinlich aus dem Gebiet bei dem Oslofjord, daher kommt
vermutlich
der Begriff Wikinger. Norwegen war die Bezeichnung für die
norwegische
Küstenstrecke im Westen, also für den Weg nach dem Norden,
und
deshalb steht in britischen Aufzeichnungen Wikinger und nicht Norweger.
Schließlich besuchen wir in Larvik den Herrenhof. Larvik lag sehr
günstig in Bezug auf Kopenhagen, und in Larvik und bei der
Nachbarstadt
Sandefjord entstanden die einzigen zwei Grafschaften in Norwegen. In
Larvik
ließ der Graf Gyldenløwe einen Herrenhof bauen. Der Palast
sollte ähnlich wie das Schloss in Versailles aussehen, aber in
Larvik
wurde das Gebäude aus Holz errichtet. Dritter Teil: Die Numedalsroute Larvik - Geilo. In Larvik
verlassen wir die
Radroute 1 und biegen auf die Radroute
durch das Numedal ein. Um auf die Radroute am Fluss Lågen zu
gelangen,
müssen wir die Hauptstraße E 18 überqueren. Das ist in
dem dichten Verkehr nicht leicht, aber schließlich gelingt es
uns,
und plötzlich sind wir auf einer verkehrsruhigen Straße. Die
Radroute am Lågen geht immer an dem Ufer, wo die
Hauptstraße
nicht liegt. Vom anderen Ufer des Flusses, hören wir den
Verkehrslärm
und sind froh, dass wir uns auf der Radroute befinden. Wir kommen zu
Hedrum
Kirche, einem Bauwerk aus Stein aus dem Mittelalter. Um die Kirche den
Vorstellungen des 19. Jahrhunderts anzupassen, wie eine Kirche aussehen
soll, ist ein Turm dazugesetzt. Der Turm ist, im Gegensatz zu dem
Kirchenbau,
aus Holz.
Auf einem Campingplatz bei Kvelde übernachten wir. Der Besitzer des Campingplatzes wird mit dem Handy herbeigeholt. Das Handy verwenden wir auch, um einen alten Studienfreund Per anzurufen. Der wohnt in Skien. Er ist trotz Ferienzeit zu Hause und lädt uns ein. Deshalb verlassen wir für einige Tage die Numedalsroute und biegen am nächsten Morgen Richtung Skien ab. Die Straße steigt ständig an, und wir befinden uns in einem Gebiet mit Ergussgestein aus der Periode Perm. Am Rande des Permmassives liegt die Stadt Skien auf einem Gebiet mit Schichtgestein. Das Gebiet mit Schichtgestein liegt viel tiefer als die harten Ergussgesteine, und wir bekommen viele Kilometer steiler Abfahrt. Es ist gut, dass wir schnell vorwärtskommen, denn in Skien wollen wir etwas kaufen, so dass wir für Per ein kleines Mitbringsel haben. Wir wollen ihm ein paar Flaschen Wein schenken, aber Wein zu kaufen ist in Norwegen ein kleines Problem, denn Wein gibt es nur in den speziellen Geschäften des staatlichen Weinmonopols, und weil das Geschäfte ohne Konkurrenz sind, sind wir etwas ängstlich, dass das Weinmonopol sonnabends ganz früh zumacht. So spät sind wir an diesem Sonnabend nicht, und wir bekommen unseren Wein. "Habt ihr die Flaschen Wein die ganze Zeit auf der Radtour mitgeführt?" fragt Per scherzhaft, und wir antworten ebenso scherzhaft: "Ja, natürlich, und für einen guten Freund schrecken wir uns vor keiner Anstrengung zurück." Gleich erfahren wir, dass Per schon Gäste für eine Party für heute Abend eingeladen hat. Die Gäste finden sich um 18 Uhr ein, und da sind auch Studienfreunde die wir seit über 30 Jahren nicht gesehen haben. Es ist ein herzliches Wiedersehen, und im Garten in der warmen Sommernacht erstreckt sich die Party, bis es in der Nacht kühl wird. Am nächsten Tag steht ein Sightseeing in Skien auf dem Programm. Turid, PER und ich machen die Besichtigung der Stadt PER Fahrrad. Wir kommen zu einem alten Bauernhof, wo der Schriftsteller Henrik Ibsen aufgewachsen ist. Die Frau, die uns herumführt, ist eine talentierte Berichterstatterin. Einige Sachen, die wir aus Ibsens Stücken kennen, kann die Führerin auf Details im Haus zurückführen. Der Weltmensch Ibsen hat also Eindrücke aus seinem Kinderhaus in seinen berühmten Schauspielen auftauchen lassen. Schließlich führt uns die Frau auf den Dachboden. Das ist der berühmteste Dachboden der Welt, sagt sie. Es ist der dunkle Dachboden im Theaterstück "Die Wildente". Am nächsten Tag ist es Zeit für Abschied und für die Weiterfahrt. Per bietet sich an, uns und unsere Fahrräder von den Schichtgesteinen bei Skien und auf die höherliegenden Ergussgesteine zu fahren, so dass wir uns die vielen Steigungen sparen werden. Ich als leidenschaftlicher Tourenradfahrer bin erst etwas skeptisch, aber Turid nimmt den Vorschlag gern an, und Per sagt mir: "Lass doch heute deine Prinzipien." Und so wird es auch. Vom Gipfelpunkt der Straße fahren wir in dem schönen Wetter weiter. Nach ein paar neuen, kleinen Steigungen geht es steil ins Tal hinunter, und wir kommen wieder auf die Radroute durch das Numedal. Bei dem Ort Svarstad wohnen zwei der neuangetroffenen alten Freunde von der Party bei Per. Schon auf der Party haben wir Berit und Ragnar gefragt, ob wir unser Zelt vor ihrem Haus aufschlagen dürfen. Jetzt treffen wir in dem Gehöft ein, und wir werden zu einer Mahlzeit eingeladen. Da gibt es Fleisch aus dieser Gegend, und das ist Elchfleisch. Das essen wir zum ersten Mal, und es schmeckt vorzüglich. Wie kommt es, dass Norweger nie Elchfleisch gekostet haben? Erstens haben wir keine Jagdrechte und zweitens gibt es in Westnorwegen, wo wir wohnen, keine Elche. In der Umgebung des Gehöfts unserer Freunde gibt es so viele Elche, dass die umstreifenden Tiere eine Plage sind, weil sie manchmal ganz ungestört in den Getreideäckern weiden. Auf unserer Fahrt zum Gehöft unserer Freunde hatten wir eine Sehenswürdigkeit verpasst, und zwar eine bemerksenswerte Kultureinrichtung. Berit und Ragnar fahren uns im Auto zu der Stelle, die wir verpasst hatten. In dem Fluss Lågen wurden früher Lachse in verschiedenen Fallen gefangen. Diese Fallen sind jetzt wiederhergerichtet, und wenn die Lachse die Wasserfälle hinaufschwimmen, landen sie in Käfigen aus Holz. Die Fallen sind nur an einem Tag der Woche im Betrieb, und wir sind nicht da dem richtigen Tag. Einsicht in diese Fangkultur bekommen wir, und wir sehen mehrmals Lachse, die auf ihrem Weg die Wasserfälle hinaufspringen. Nach einer Nacht
im Zelt
auf dem Rasen vor dem Haus von Berit und Ragnar und nach einem
herrlichen
Frühstück geht unsere Radtour weiter Richtung Kongsberg. In
dem
breiten Flusstal führt an jeder Seite des Flusses eine
Straße,
und die Straße, die nicht die vielbefahrene Hauptstraße
ist,
ist als Radroute ausgeschildert. Vor Kongsberg machen wir auch das
Kunststück,
uns zu verfahren, weil wir eine Sehenswürdigkeit etwas weiter von
der Radroute entfernt aufsuchen wollen. Die Stadt Kongsberg ist wegen
des
Silberbergwerkes in ihrer Nähe gegründet worden. Die
Silbergruben
waren bis 1958 in Betrieb. Heutzutage sind die Gruben ein
Besucherbergwerk
für Touristen.
Von den Gruben
gelangen wir
auf Radwegen in die Stadt Kongsberg. Da fallen die vielen, historischen
Holzhäuser auf. Die Häuser sind aus runden, ganzen
Holzstämmen
gebaut. Die Stämme liegen horizontal und sind an den Ecken durch
exakte
Arbeit mit dem Beil fest zusammengefügt. In Deutschland nennt man
solche Häuser Blockhäuser. In einer Stadt sehen aber
Blockhäuser
zu ländlich aus, und wir können mehrmals feststellen, dass
die
runden Holzstämme an der Seite, die zur Straße geht, mit
Latten
verblendet sind. An den Seiten, die zum Hinterhof gehen, ist die
Struktur
aus runden Holzstämmen ohne Latten zu sehen. Die Kirche in
Kongsberg
ist sehr sehenswert, es ist die größte Barockkirche in
Norwegen.
Von außen sieht sie nicht barock aus, die Kirche hat keine
Zwiebeltürme,
sie mutet eher etwas Renaissance an, aber das Innere ist mit seiner
Dekoration
ohne Zweifel Barock. Das Bemerkenswerte ist der Altar, der wie ein
Thron
aussieht. Kein Wunder, dass der Altar in der Königsstadt
(Kongsberg=Königsberg)
so aussieht. Über dem Altar ist ein Dach, das gleichzeitig als
Kanzel
dient.
Für mich
persönlich
hat Kongsberg eine besondere Bedeutung, denn Kongsberg war die erste
fremde
Stadt, in die ich je per Fahrrad gekommen bin. Das war auf einer
Radfahrt,
als ich 15 Jahre war. In Kongsberg treffen wir ein paar Radfahrer. Auf
dem Campingplatz, der bei der Turnhalle für den Sommer betrieben
wird,
treffen wir einen Schweizer, der sein Gepäck in einem
einrädigen
Trailer mitführt. Wir erzählen ihm von der Numedalsroute,
aber
wir warnen ihn, dass ein paar ganz harte Anstiege kommen, bevor Geilo
erricht
wird. Der Schweizer, der offenbar viel in den Alpen geradelt ist, wird
begeistert, und sagt, dass es sich auf die Steigungen freue. In einem
Museum
treffen wir ein norwegisches Radlerpärchen. Die machen die
Numedalsroute
in der umgekehrten Richtung wie wir, und sie staunen ein bisschen, als
sie hören, dass wir die Route Richtung Geilo fahren. "Ihr bekommt
ja so viele Steigungen", sagen sie. Ich erwidere, dass wir die
Steigungen
überwinden werden, und weil wir an einem Fjord in Westnorwegen
wohnen,
werden wir schließlich, bevor wir zu Hause sind, die Nachteile
der
Steigungen, wiedergewinnen.
In Numedalen
nördlich
von Kongsberg sehen wir überall alte Blockhäuser. Fast auf
jedem
Gehöft steht ein Vorratshaus auf kleinen Stelzen, so dass
Mäuse
und andere Tiere nicht eindringen können. Alle Vorratshäuser
sind fast ohne Ausnahmen alte Blockhäuser. Das Bild unten hat
Klaus
aus Potsdam gemacht. Die Sonne steht nicht richtig, und er hat fast
Gegenlicht.
Klaus ist auch auf Radfahrt, und war ursprünglich mit seinem
Freund
Steffen unterwegs, aber weil sie unterschiedlich fit sind, fahren sie
nicht
mehr zusammen. Klaus weiß nicht, wo in Norwegen sich Steffen
befindet.
Klaus sagt, er werde sich eine Telefonkarte besorgen und von einer
Telefonzelle
die Handynummer von Steffen anrufen. So kann man sich auch arrangieren.
Wie es geht, wissen wir nicht, denn Klaus fährt schneller als wir,
und bald verlässt er uns. Wir sehen ihn nicht mehr.
In dem heißen Sommerwetter ist es unvermeidbar, dass wir auf der Radtour schwitzen. In dem Fluss Numedalslågen finden wir oft einladende Badestellen, wo wir uns abkühlen. Neben der Radroute führt auch ein Schienenweg, denn bis 1989 verkehrten Züge auf der Numedalbahn, einer 100 km langen Stichbahn, die das Tal mit der Außenwelt verband. Die Schienen liegen noch da, aber nur der untere Teil bei Kongsberg weist gelegentlich etwas Güterverkehr auf. Oberhalb von Veggli kommen keine Züge mehr, und da wird das Gleis touristisch anders verwendet. Zwischen Veggli und der Endstation der Bahn werden Touristen Draisinenfahrten angeboten. Die Bahnstrecke ist besonders schön, weil die Bahn durch eine interessante Landschaft führt, neben dem Gleis stehen alte Blockhäuser, und noch wichtiger: Die Bahn liegt in angenehmer Entfernung weit weg von der Hauptstraße. Kurz und gut, eine Draisinenfahrt spricht mich sehr an. Turid ist nicht besonders davon angetan, ihr gummigefedertes Fahrrad mit dem gummilosen Schienenfahrrad auszutauschen. Unsere Radtour geht weiter, obwohl ich eine zusätzliche Erlebnisfahrt auf den Schienen der Numedalbahn mache. Turid fährt mit Gummireifen nach dem 20 km entfernten Ort Norefjord. Ich fahre dahin mit der Draisine, dann fahre ich zurück nach Veggli und komme mit meinem Fahrrad auf der Landstraße nach Norefjord. So sieht also unser Plan aus. Der Andrang auf
die Draisinen
ist in Veggli ganz groß, und ich muss zwei Stunden warten, bis
andere
Leute ihre Schienenfahrt beendet haben. Turid will nicht warten und
fährt
gleich los. Endlich kann ich auch das Schienenfahrrad in Schwung
setzen.
Über die Weichen im Bahnhofsbereich von Veggli zu kommen, ist eine
neue Erfahrung. Der Fahrer sitzt auf der Draisine links, er tritt wie
auf
einem Fahrrad, und unter dem Fahrer sind zwei Laufräder, die an
beiden
Seiten mit Flanschen versehen sind. Die Flansche laufen an jeder Seite
etwas tiefer als die Schienenoberkante und halten die Laufräder
auf
der Schiene, trotzdem können Entgleisungen vorkommen, davor warnt
der Vermieter der Fahrraddraisinen. Auf der anderen Schiene, also
rechts
läuft ein flanschloses Rad, das nur oben auf der Schiene
läuft
und der Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes dient. Wenn eine Weiche
so
liegt, dass sie nach links führt, folgen die beiden
Flanschräder
der äußeren Schiene, während das flanschlose Rad
einfach
über Weichenzunge und Herzstück hinwegrollt. Komplizierter
ist
es, wenn die Weiche nach rechts führt, dann muss ich die Schwere
Draisine
aufheben und aufpassen, dass die Räder auf das richtige Stück
Gleis kommen. Hinter Veggli folgt die Bahn dem Fluss und rechts habe
ich
einen guten Blick auf die Wasserschlucht. Dann beginnt es zu regnen,
und
entsetzlich viel. Es donnert und blitzt. Plötzlich habe ich den
Eindruck,
dass der Blitz gerade neben mir einschlägt.
Selbstverständlich
habe ich meinen schweren Poncho mit und ich ziehe ihn über. Ein
Radfahrer
weiß, was zu tun, auch wenn die Radfahrt auf dem Gleis
stattfindet.
Was ich nicht aufsetzen kann, ist mein Südwester, weil der
Vermieter
der Draisine verlangt, dass ich einen Helm trage, und der Helm hat
Öffnungen,
wo jetzt das Regenwasser eindringt. Im strömenden Regen komme ich
zu der alten Station Kjerre, glücklicherweise ist da kein
Nebengleis
und somit auch keine schwierigen Weichen. Im Güterschuppen ist
eine
Tür offen und ich kann Schutz vor dem Regen suchen. Als der Regen
etwas nachlässt, fahre ich weiter. Auf einer
Straßenüberquerung
kommt mir ein Schienenfahrzeug entgegen. Ein Mann hat an der Trasse
Äste
gefällt, und den Fang bringt er auf Schienen nach Hause, und dort
an der Straßenüberquerung ist auch ein Wartehäuschen
einer
ehemaligen Haltestelle, und wer hat im Wartehäuschen Schutz vor
dem
Regen gesucht? - Turid! Sie sagt, dass die Straße nicht so
günstig am Fluss entlangführt wie die Eisenbahn. Die
Straße
geht oben über die Berge, und sie hat unterwegs drei harte
Steigungen
gehabt. Der Mann mit der Ästeladung hilft mir, die Draisine
aufzuheben,
dann fährt er mit seiner Ladung vorbei und hilft mir, meine
Draisine
wieder auf das Gleis zu setzen. Der Regen hört auf, und meine
Schienenfahrt
geht weiter. Turid setzt auch ihre Fahrt fort. Bald treffe ich auf noch
mehr Gegenverkehr, und weil ich allein bin, muss ich ausweichen, aber
die
anderen helfen mir immer bei dem Heben der Draisine. Ein besonderes
Erlebnis
ist ein 600 Meter langer Tunnel, der nicht gerade ist, und drinnen
stockdunkel.
Der Vermieter der Draisine hat mir eine Taschenlampe mitgegeben. Das
ist
wichtig, um einen gefährlichen Zusammenstoß mit
Gegenverkehrsdraisinen
zu verhindern. Glücklicherweise kommen mir im Tunnel keine
Draisinen
entgegen. In dem spärlichen Schein der Taschenlampe kann ich
gerade
die eine Schiene sehen. Dann komme ich zu noch einer
Straßenüberquerung,
und wer kommt da auf der Straße geradelt? - Turid! Sie will auch
die Draisine ganz kurz probieren, aber wir setzen dann unsere Fahrten
auf
getrennten Wegen fort. Trotz des einmaligen Schienenerlebnisses bleibt
an der Draisinenfahrt etwas Trauriges hängen. Ich fahre auf den
traurigen
Resten einer ehemals pulsierenden Lebensader eines langen Tals. Eines
Tages
ist es so weit, dass man die Bahn nicht mehr haben will, so dass Bahn
und
Bahnhöfe allmählich zuwachsen und dem Verfall preisgegeben
werden.
Ich erreiche schließlich mein Ziel, den Bahnhof Norefjord. Wen sehe ich da? - Niemanden, auch Turid nicht. Auf der Fahrt nach Norefjord habe ich ein paar Radtaschen als Gegengewicht auf der Draisine. Das eine Laufrad auf der rechten Seite ist so leicht, dass die Draisine leicht nach links umkippen kann, deshalb habe ich etwas Gepäck als Gegengewicht mit. Zurück nach Veggli will ich das Gepäck nicht mitnehmen, denn das heißt, dass ich es noch einmal auf dem Fahrrad befördern muss. Ich verstecke mein Gepäck unter dem Bahnsteig und finde einen schweren Stein, den ich als Ballast mitnehme. Turid sehe ich auf der Draisinenfahrt nicht mehr. Sie sagt hinterher, dass sie Nore Stabkirche besichtigt hat. Die Stabkirche sehe ich vom Gleis, während Turid drinnen ist. Die Draisinenfahrt nach Veggli zurück geht ganz schnell, nicht nur weil es etwas bergab geht, sondern auch weil mir das Schienenfahrrad vertrauter wirkt. Die 20x2 km lange Gleisfahrt lege ich ganz ohne Entgleisung zurück. In Veggli finde ich mein altes, gummibereiftes Fahrrad, das mir noch vertrauter ist, und ganz schnell geht es auf der Asphaltstraße wieder nach Norefjord, einer Strecke, die ich an dem Tag zum dritten Mal fahre - zweimal schienenfest und einmal schienenlos. Auf dem Campingplatz Norefjord treffe ich mich wieder mit Turid. Als das Zelt aufgebaut ist, setzt gleich ein furchtbares Gewitter ein, es regnet sehr stark, es blitzt und starke Windböen drohen, das Zelt abzureißen. Allmählich wird es draußen so nass, dass das Wasser in das Zelt eindringt. Wir entschließen uns, eine Hütte zu mieten. Auf unserer Radtour haben wir Zelt und Schlafsäcke mit, und es ist ein bisschen ärgerlich, das Zelt zu schleppen, wenn wir es nicht benutzen. Unterwegs schlafen wir immer auf Campingplätzen, denn das hat Turid verlangt. Wenn ich Radtouren allein mache, übernachte ich immer auf freien Flächen, die ich neben der Straße finde. In Norwegen ist es grundsätzlich erlaubt, das Zelt in der freien Natur abseits von Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Nutzflächen aufzubauen. Am nächsten
Morgen scheint
wieder die Sonne, aber die Zeitungen berichten von vielen
Blitzeinschlägen
und Katastrophenstimmung. Auf dem Weg nach Rødberg, begegnen uns
die ersten harten Steigungen. Die Radroute führt uns
anschließend
auf noch mehr Steigungen, denn an der Radroute liegt Uvdal
Stabkirche, die wir gern besuchen möchten.
Hinter
der Stabkirche steigt die Numedalsroute noch mehr, aber wir verzichten
auf die Radroute und rollen zum Zentrum Uvdal hinunter. Da steht
übrigens
auch eine Kirche, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, als
die Stabkirche zu klein wurde. Die neue Kirche ist im
nationalromantischen
Drachenstil gebaut, und kurz vor der Kirche steht ein Hinweisschild 6
km
zur Uvdal Stabkirche. Die Torusitikbehörden haben wohl erlebt,
dass
Touristen die neue Kirche mit der alten Stabkirche verwechseln. Der
Grund,
warum wir die Radroute verlassen haben, ist dass die Route auf einer
schlechten
Schotterstraße auf den Berg hinaufführt. Ich möchte
lieber
den Berg auf der asphaltierten Hauptstraße bewältigen, und
so
können Turid und ich einigermaßen zusammenhalten, denn die
zu
erwartenden Steigungen wird sie bequem und schnell im Bus
zurücklegen.
Im Uvdal Zentrum kaufen wir ein und haben eine gute Mahlzeit. Nach dem
Essen starte ich auf die 20 km lange Strecke auf den Berg
Dagalifjellet,
während Turid auf den Linienbus wartet. Die ersten 10 km
sind
noch flach bis 600 Meter über Normalnull, aber auf den letzten 10
km bekomme ich eine 7-prozentige Steigung. Das fordert harte Arbeit in
einem niedrigen Gang. Um mich schwirren die Fliegen herum, die
allmählich
aufgeben, als ich höher komme. Der Wald gibt nach, und die Luft
wird
kühler. Bei 1100 Meter ü N.N. erreiche ich den Scheitelpunkt.
Eine halbe Stunde später trifft auch der Bus mit Turid und ihrem
Fahrrad
ein. Normalerweise geht es in Norwegen leicht, das Fahrrad im
Gepäckraum
des Linienbusses zu befördern, aber für den Transport von
einem
Fahrrad wird 50 % des normalen Fahrpreises erhoben. Von der
Passhöhe
von 1100 m rollen wir schnell die Abfahrten nach Dagali hinunter. Wir
hoffen,
dass Dagali nicht so tief liegt, denn bevor wir Geilo erreichen,
müssen
wir noch zwei Berge von der Höhe 1100-1200 Metern erklimmen. In
Dagali
übernachten wir auf dem Campingplatz und stärken uns vor den
Steigungen des nächsten Tages. Vierter Teil: Von Geilo nach Hause. Die Steigungen bringen wir schnell hinter uns, denn wir haben ein bisschen Eile. Es ist wieder Sonnabend, und auch Geilo ist ein Ort mit Weinmonopol. Wir befürchten es, dass an diesem Tag das Weinmonopol früh zumacht. Als wir in dem Touristenort ankommen, haben wir noch viel Zeit, bis der Monopolladen zumacht. Wir haben nämlich vor, wieder Freunde zu besuchen, und Wein ist immer ein gutes Mitbringsel. Dazu kaufen wir noch eine Flasche Wein nur für uns. In den Geschäften von Geilo kaufen wir auch Lachs- und Hühnerfilets und exotisches Gemüse. Meine Schwester hat uns angeboten, in ihrer Hütte bei Geilo zu übernachten, und da werden wir, statt der spärlichen Flamme des Spirtuskochers, uns der Möglichkeiten einer gut ausgerüsteten Küche bedienen. Die Hütte liegt 20 km von Geilo entfernt, und erst müssen wir die Steigungen nach Ustaoset hinauffahren. In den Steigungen ist es gut, dass wir nicht so viel Proviant aus Geilo mitschleppen. In dem Lebensmittelladen in Ustaoset kaufen wir den großen Rest der Lebensmittel ein: Brot, Butter, Marmelade, Karotten, Kartoffeln und Getränke. Turid sagt gleich, als wir vor der Hütte ankommen: "Hier bleiben wir zwei Nächte, und morgen werde ich einfach hier ausruhen und mich sonnen." Am Abend genießen wir eine geschmackvolle Mahlzeit mit Wein. Am nächsten Tag hat Turid eine gute Gelegenheit, sich zu sonnen. Hier oben auf dem Berg in 1000 Metern Höhe ist es regelrecht heiß. Die Luft ist ruhig und es ist kein Wind. Den ganzen Tag unbeschäftigt zu verbringen, ist mir zu viel, und ich mache eine kurze Radfahrt um den See, an dessen Ufer die Hütte liegt. In der Wettervorhersage wird aber gemeldet, dass das schöne Wetter am nächsten Tag sein Ende hat. Am nächsten
Morgen,
als wir weiterfahren, nieselt es schon und es ist bedeutend kälter
als am vorigen Tag. Heute geht die Fahrt über Hardangervidda.
Hardangervidda
ist ein großes Hochgebirgsplateau, es ist eine alte
Erosionsfläche,
die bei der Landhebung in der Periode Tertiär auf eine Höhe
von
rund 1000 meter gebracht worden ist. Auf der Straße über die
öde Hardangervidda ist viel Touristenverkehr. Bei dem
Vorwärtskommen
machen wir es wie gewohnt; ich fahre unvermeidlich vor, und nach allen
5 Kilometern warte ich, bis Turid kommt. An diesem Tag ist hier oben
das
Warten kein Vergnügen, es nieselt und es ist kalt. Endlich sind
wir
oben am Scheitelpunkt, und dann geht das Vorwärtskommen von
selbst.
Die harte Arbeit in den Steigungen aus Numedalen gewinnen wir jetzt
zurück.
Ich erreiche eine Geschwindigkeit von 65 km/h. Dann muss ich aber unten
wieder auf Turid warten. Bald wird die Straße noch steiler, und
vor
uns liegt ein steiler Abgrund, den das Eis während der Eiszeit
ausgegraben
hat. In diesen Abgrund stürzt der 182 meter hohe
Vøringsfossen,
der leider nicht mehr so eindrucksvoll ist wie vor den 70er Jahren. Das
Wasser wird jetzt zur Gewinnung von Elektrizität genutzt, aber in
der Turistensaison wird eine begrenze Wassermenge über die Kante
des
Wasserfalls geführt und an den Turbinen vorbeigeleitet. Im Winter
ist der Hahn zum Wasserfall ganz zugedreht.
Für Radfahrer ist die alte Straße in das enge Tal hinunter geöffnet. Die alte Straße außen an der Felswand ist viel schöner und spannender als die neue Straße, die im Tunnel verläuft. Was uns nicht so sehr gefällt, ist, dass wir mehrmals ganz große Steine sehen, die auf die Fahrbahn heruntergerollt sind. Löcher im Asphalt deuten auch auf Steinschläge, die also mehrmals eintreffen. Hier würde ich beim strömenden Regen nicht fahren. Strömender Regen begegnet uns unten am Fjord, aber da ist auch der Radweg auf der alten Straße außerhalb der Tunnel zu Ende. Die Entfernung am Fjord ist nicht so weit, bis wir an dem Haus unseres Kollegen ankommen. Der mitgebrachte Wein wird überreicht, und wieder kommt die Frage, ob wir die Flaschen von zu Hause mitgeführt haben. Die Frage wird scherzhaft bejaht. Unser Kollege, Sigmund und dessen Frau Ingebjørg wohnen im Sommer in dem Haus, wo Sigmund aufgewachsen ist, und dort hat er eine wahre Schatzkiste. Wir Männer durchwühlen gemeinsam seine Comickiste aus den 50er Jahren und finden unvergessliche Comichefte, und wenn einige Hefte in Vergessenheit geraten sein sollten, wecken die erblickten Hefte die Erinnerung wieder ans Leben. An jedem Heft knüpfen besondere Erlebnisse. Inzwischen sehen wir unsere Frauen nicht mehr, die schwätzen wohl und lassen die Männer mit ihrer Nostalgie in Ruhe. Die Fahrt geht am nächsten Morgen an dem Hardangerfjord entlang. Das Gebiet Hardanger ist in Norwegen für sein Obst bekannt. Das stabile Inlandklima unten am Fjord, der auch Wärme ins Landesinnere bringt, ergibt ein günstiges Lokalklima. An der Straße wird Obst angeboten, entweder sitzen da an einem Tisch Schulkinder, die in den Sommerferien etwas Geld verdienen wollen, oder es gibt da Selbstbedienung. Da legt man das Geld einfach in eine Box. Während wir da entlangfahren, ist die Saison für Süßkirschen, und Hardanger ist für die hohe Qualität der Süßkirschen bekannt. Jedenfalls sind die Kirschen, die wir an der Straße kaufen sehr schmackhaft. Hardanger sind nicht nur idyllische Obstgehöfte. Am Ende des Fjords liegt Odda. Das ist ein Industrieort, der vor 100 Jahren aufgebaut wurde, weil damals aus den Wasserfällen Elektrizät gewonnen werden konnte. Die Bevölkerung von Odda ist von dem einzigen Industriebetrieb des Ortes sehr abhängig. Im vorigen Jahr ging aber das Karbidwerk in Odda konkurs. Zwar gibt es immer noch zwei Betriebe bei Odda, die noch im Betrieb sind, aber für Odda bedeutet die Schließung der Karbidfabrik eine soziale Katastrophe. Die Turbinenhalle des großen Kraftwerks in Tyssedal (6 km nördlich von Odda) stammt aus der vorigen Jahrhundertwende, und die Gewinnung von Elektrizät erfüllte die Industrieträume der Norweger. Damals wollte die junge Nation Norwegen sich neben den europäischen Industrienationen sehen lassen. Die Turbinenhalle wurde groß und mit Stil angelegt. Wenn man die Halle besucht, hat man das Gefühl, man betritt eine Kathedrale. Turid und ich treten unterwegs auf unserer Radtour auch in diese Halle ein, denn sie ist heute ein Museum der norwegischen Industrieorte, deren Existenz der Wasserkraft zu verdanken ist. Die Gewinnung von Elektrizität hat Norwegen immer noch nötig, aber der Strom wandert viel weniger in die Fabiken der energieintensiven Industrie. Die Turbinenhalle von Tyssedal ist durch eine moderne Kraftstation drinnen im Berg ersetzt worden. Von Odda haben
Turid und
ich nur eine Tagesetappe nach Hause. Bevor wir so weit sind, kommen wir
wieder auf die Strecke, wo ich am Anfang dieser Radtour allein gefahren
bin. Die Radrunde ist vollendet. Während wir auf die Fähre
warten,
die uns zu unserer Insel übersetzt, reden wir über die
Radrunde
des Jahres 2003. Wir kommen gestärkt nach Hause, und wir sind
einig,
dass uns die Tour mit vielen Eindrücken und neuen Kenntnissen
bereichert
hat. Das Wetter war zum größten Teil gut, und die Tour war
abwechslungsreich
und gab uns die Gelegenheit, alte Freundschaften zu erneuern und zu
vertiefen.
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