Vierflüssefahrt

Fahrradtour durch Deutschland 2011


Terje Melheim

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Unsere Anreise nach Hameln

Auf dieser Radreise sind zwei Teilnehmer, das sind Turid und Terje. Terje hat über ein Jahr später die Fahrradtour beschrieben und ins Internet gebracht. Turid und Terje sind aus Norwegen, und wir sind keine deutschen Muttersprachler. Deshalb ist es durchaus möglich, dass dieser Bericht einige fremde und ungewöhnliche Formulierungen enthält.

 2011 hatten die Fluggesellschaften ihre Beförderungsbestimmungen geändert, so dass jeder Reisende nur ein Stück Gepäck von höchstens 23 Kilo mitbringen darf. Früher konnten die 23 (damals nur 20) Kilos auf mehrere Packtaschen verteilt werden. Deswegen entschieden wir uns für Schiff und Eisenbahn, um den Ausgangspunkt unserer Radtour zu erreichen. Unsere Fahrräder hatten wir zerlegt wie zur Flugreise. Das war richtig von uns, denn die Fahrradmitnahme durch Dänemark nach Hamburg wäre sonst unmöglich. Vor der Abfahrt unseres Zuges nach Hamburg zeigte die Anschlagtafel: Der Zug führt keine Fahrräder. Trotzdem hatten wir große Probleme mit so viel Gepäck in überfüllten Zügen. Wie vereinbart wartete im Hamburger Hauptbahnhof unser Freund Rainer auf uns. Der hatte sogar einen kleinen Karren mitgebracht, um darauf unsere vielen und schweren Gepäckstücke zwischen den Nahverkehrsmitteln zu befördern. „Sind das Musikinstrumente?“ fragte uns eine alte Dame. (Älter als wir)

 Am nächsten Tag amüsierten sich die beiden Frauen, Elke (Rainers Frau) und Turid (meine Frau), als sie eine Ausstellung von dem Künstler Turner und die Blumenpracht von „Planten un Blomen“ bewunderten.  Ich war mit dem Zusammenschrauben der beiden Fahrräder beschäftigt. Nach zwei Stunden Fahrradtechnologie konnten Rainer und ich eine Radrunde drehen und die Schönheit Hamburgs erleben, wobei wir Blankenese und dem Elbufer einen Besuch abstatteten.

 Mit zusammengeschraubten Fahrrädern, auf denen das Gepäck ruhte, konnten wir die Eisenbahnreise zu unserem Startpunkt der Radtour viel  bequemer fortsetzen. Mit einem Niedersachsenticket sollte es flott weitergehen. Vor unserer Abreise aber konnte uns Rainer mitteilen, dass die Lokführer bei der Bahngesellschaft Metronom streiken, und Hannover sei mit der Regionalbahn nicht zu erreichen. Er hatte gleich eine Alternative klar. Wir mussten erst mit der S-Bahn bis Harburg reisen. Von dort hatten wir 30 Kilometer bis Buchholz zu radeln. Da verließ zu einer bestimmten Zeit eine DB-Bahn über Soltau nach Hannover, und von Hannover konnten wir wieder mit der S-Bahn bis Hameln, unserem Bestimmungsort an der Weser gelangen.

 

Wir treffen andere Radfahrer (reell und virtuell)

 Unsere alternative Zugreise, inklusive der Radtour nach Buchholz ging sehr gut. In Buchholz trafen wir rechtzeitig vor der Abfahrt des Zuges ein. Es war wichtig, dass wir an genau diesem Tag in Hameln ankommen würden, denn dort hatten wir ein Treffen mit dem Radfahrer-Internetfreund Martin Wittram und dessen Frau Heidi vereinbart, und unsere Hotelzimmer waren schon gebucht. Martin Wittram hat viele unterhaltende und informative Radgeschichten im Internet geschrieben, und als er der Nordsee-Radroute folgte, die fast an unserer Haustür vorbeiführt, hat er uns besucht.  Mit den Wittrams verbrachten wir einen netten Abend in Hameln. Wir sahen uns die fantastischen Fachwerkhäuser an. Plötzlich entdeckten wir an einer Hauswand eine kleine Tafel, die an einen mittelalterlichen Kinderkreuzzug erinnerte. Damals mussten die Eltern zusehen, wie ihre Kinder abmarschierten, um nie wieder heimzukehren. Kein Wunder, dass uns dabei der Zusammenhang mit der Rattenfängergeschichte einleuchtete. Damit hatten wohl auch die pädagogischenTouristikbehörden der Stadt gerechnet, denn wenn man selbst die Zusammenhänge einsieht, wird es einprägsamer. In Hameln konnte ich auch die Fahrradkunst der Stadt probieren.


 
Von links Martin, Heidi und Turid


Ich probiere vor der Weserradtour die Fahrradkunst der Stadt Hameln.

Am nächsten Morgen, bevor die Wittrams wieder nach Hause reisten, verabschiededen wir uns. Heidi und Martin wünschten uns eine schöne und interessante Radtour an den vier deutschen Flüssen; Weser, Werra, Itz und Main. Dann waren Turid und ich allein, und wir hatten eine dreiwöchige Radtour vor uns. Erst brauchten wir Unterlagen für unsere Fahrt, und wir suchten eine Buchhandlung auf, wo wir die gefalteten Radwanderkarte von Public Express (Die Karten mit der Sonne) kauften. Dann konnten wir auf dem Weserradweg unsere Radtour starten. Auf der Weseraue, wo uns der Weserradweg nach Süden führte, trafen wir fast ein anderes radfahrendes Ehepaar, dessen Fahrradgeschichten wir im Internet gelesen hatten. Genau an derselben Stelle, wo Suzanne Gibson ein Bild von ihrem Mann gemacht hatte, habe ich eine Aufnahme von Turid gemacht. Wie Sie sehen, radelten wir in entgegengesetzter Richtung. Es war ganz zufällig, dass unsere Wege sich so kreuzten. Erst ein halbes Jahr später habe ich in Suzanne Gibsons Erzählung das Bild gefunden. Suzanne und Janos Kartész waren einen Monat vor uns da an dieser Stelle auf dem Weserradweg, und wir sahen uns leider nicht. Ich finde Suzanne Gibsons Radgeschichten sehr gut. Sie sind mit viel Liebe zum Radfahren geschrieben, und ich möchte zugeben, dass ihre Geschichte ein Jahr früher, als die beiden dem Main-Radweg folgten, eine wichtige Inspirationsquelle für unsere jetzige Radtour gewesen ist. Der Treffpunkt, wo sich Tourenradler kennen lernen,und sich über Radtouren anderer Tourenradler informieren, sind die Trento Bicycle Pages.




Auf dem Weserradweg treffen wir Janos Kartész und Suzanne Gibson. Die sind aber einen Monat vor uns an dieser Stelle gewesen. (Das Bild  habe ich Suzanne Gibsons Radbericht "Bavaria Baltic Sea and Back" entnommen.


Bad Karlshafen und seine Folgen.

Unterwegs, durch Dörfer und kleine Städte sahen wir überall anmutige Fachwerkhäuser. Auch bei uns in Skandinavien sind die Häuser in Fachwerk-Bauweise gebaut, aber bei uns ist das Fachwerk durch Latten gedeckt. In Deutschland ist die traditionelle Bauweise so, dass die Balken des Fachwerks gut sichtbar sind. In den Fächern oder Zwischenräumen zwischen den Balken hat man Füllmaterial aus Lehm oder Kuhmist mit Stroh vermischt, verwendet. Heutzutage sind diese Häuser mit frohen Farben versehen. Die Balken sind braun, rot, schwarz oder blau gestrichen, während die Fächer in blendend weiß gekalkt sind. In Holzminden, wo wir zum ersten Mal im Zelt übernachteten, sahen wir viele solche Häuser. In Höxter wurden wir noch mehr beeindruckt. Ein typisches Merkmal für die Fachwerkhäuser in Niedersachsen sind die großen Rosetten an den Wänden.


 
Fachwerkhäuser in Höxter

Die Weser ist Grenzfluss, und mitten im Fluss geht die Grenze zwischen unterschiedlichen Bundesländern. Oder die Landesgrenzen befinden sich in der Flussnähe.  Unterwegs konnten wir nicht wissen, ob wir in Niedersachen oder in Nordrhein-Westfalen waren. Als wir am anderen Ufer Bad Karlshafen erblickten, waren wir noch in einem anderen Bundesland, diesmal in Hessen. Bad Karlshafen hat eine interessante Geschichte, weil Hugenotten, Vertriebene aus Frankreich sich da ansiedelten. In Bad Karlshafen hatte man seinerseits ein gigantisches Projekt angefangen, nämlich einen Kanal von der Weser bis an die Lahn zu bauen. Das waren für uns Gründe genug, einige Zeit in Bad Karlshafen zu verweilen. Wir ließen uns auf dem Campingplatz am anderen Ufer nieder. Da bekamen wir einen Zeltplatz in der prallen Sonne. Weder dem Gepäck noch den Fahrrädern ging es in der Hitze gut. Am Abend radelten wir in die Stadt und sahen uns den unfertigen Kanal an. Am Eingang zum Kanal stand ein niedliches Fachwerkhaus. Wir wunderten uns, welchem Zweck dieses Turmhäuschen diente. Es stellte sich heraus, dass es ein Pegelhaus war, wo der Wasserstand der Weser gemessen wurde. Nachdem wir  gegessen hatten und zum Campingplatz zurückkamen, sahen wir, dass in unserem Vorrat die Butter geschmolzen war und das Gepäck verdreckt hatte.  Die Hitze hatte auch eine Einwirkung auf die Fahrräder gehabt, aber das erfuhren wir erst am nächsten Tag.



Am Eingang zum unfertigen Kanal in Bad Karlshafen steht ein Pegelhaus.



Auf dem weiten Weserradweg.

 

Kurz vor dem ehemaligen Benediktinerkloster in Bursfelde hatte ich eine Reifenpanne, und zwar einen komplizierten Plattfuß. Ein Flicklappen hatte sich gelöst, und als ich den  Flicklappen entfernen wollte, entstand ein Riss im Schlauch. Hier gab es nur eins zu tun, den ganzen Schlauch zu ersetzen. Natürlich hatte ich einen Reserveschlauch mit. Ich bin sicher, dass die Hitze am vorigen Tag der Flickstelle zugesetzt hatte und den Leim aufgelöst hatte. Bei der Einfahrt in Hannoversch Münden habe ich auf Turid gewartet, und das war zufällig vor einem Fahrradgeschäft. „Brauchen Sie etwas?“ fragte mich der Verkäufer, der vor dem Geschäft stand und rauchte. „Ja, einen Reserveschlauch könnte ich brauchen.“

 

 Weser wird zu Werra.





 Herrliche Fachwerkhäuser in Hannoversch Münden.

Hannoversch Minden ist eine eindrucksvolle Stadt. Da gibt es bunte Fachwerkhäuser in allen Ausführungen. "Guck mal," sagte Turid." Die Häuser sind in den oberen Etagen breiter als im Erdgestock" Die Stadt lud zum Verweilen ein. Wir suchten die Stelle auf, wo die Fulda in die Weser mündet, oder mündet die Fulda in die Werra. Jedenfalls wird hier die Weser umbenannt, aber es ist keine Überraschung, dass die beiden Namen dieselbe Wurzel haben. Schon die Ähnlichkeit der beiden Flussnamen deuten auf einen gemeinsamen Ursprung.  Auf unserer weiteren Fahrt folgten wir der Werra. Mit der Radwanderkarte Weser war es jetzt Schluss, und optimistisch folgten wir dem Werraradweg ohne Fahrradkarte. Wir hatten schon in der Tourismusinformation Hannoversch Münden festgestellt, dass der nächste Campingplatz bald kommen würde. Das war der Campingplatz Laubach. Nachdem wir unter den gigantischen Brücken der Autobahn und der ICE-Strecke gefahren waren, sahen wir einen Wegweiser rechts nach Laubach. „Das kann nicht stimmen“, sagte ich, „denn der Campingplatz sollte direkt an der Werra liegen. Wir wählten trotzdem den Ort Laubach und kletterten in kleinen Gängen die Steigungen hinauf. In der Ortschaft hing ein Stadtplan, der zeigte, dass der Campingplatz doch unten am Fluss war. Aber vor der Abfahrt musste ich feststellen, dass ich wieder eine Reifenpanne bekommen hatte. Ich habe den Schlauch aufgepumpt, so dass wir die Straße hinuntersausen konnten. Die Luft hielt noch, aber nicht lange. Die letzten hundert Meter vor dem Campingplatz musste ich absteigen und schieben. Der Schlauch, den ich früher an diesem Tag eingebaut hatte, war nicht neu, und er hatte schon einige Flickstellen, deren Leim die Sonne am Campingplatz bei Bad Karlshafen aufgelöst hatte. Die alte Flickstelle ließ sich nicht reparieren. Glücklicherweise hatte ich ja vor Hannoversch Münden einen neuen Schlauch gekauft.


Unterwegs sahen wir ländliche Fachwerkhäuser


Immer bunte Fachwerkhäuser, hier Witzenhausen

 
Am nächsten. Morgen setzten wir unsere Fahrt an der Werra fort. Unterwegs sahen wir vereinzelte Fachwerkhäuser, bis in Witzenhausen eine bunte Sammlung von Fachwerkhäusern uns entgegenleuchteten.

Bald erblickten wir die Burg Ludwigstein, wo eine Jugendherberge untergebracht ist. Dort habe ich auf meiner langen Radtour durch Deutschland als junger Mann übernachtet. Damals radelte ich auf der Bundesstraße 27 gegen Süden. Der Verkehr hielt sich damals in Grenzen, und Grenzen gab es auch genug. An dem anderen Werraufer erblickte ich die anscheinend leblosen Dörfer in der DDR. Auf unserer Radtour 2011 führte durch diese Dörfer der Radweg, und von der westlichen Werraseite hörten wir das Dauergeräusch der Autos auf der B 27.

In Wahlhausen zweigte der Weg zum Grenzmuseum Schiffersgrund ab, das ich unbedingt besuchen wollte, aber Turid nicht so gern. Die Straße stieg gut an, und es dauerte lange, bis ich den nächsten Wegweiser zum Museum sah. Turid aber konnte ich nicht sehen. Also, zurück. Sie beschwerte sich nicht nur über die Steigung sondern auch darüber, dass das eine Pedal nicht gut mitlief. „ Meinem Fahrrad und mir gefallen die sanften Steigungen auf dem Werraradweg besser“, sagte sie. Das Ölen ihres Pedals half nichts, und wir mussten  neue Pedale kaufen. Unterwegs erkundigten wir uns nach einem Fahrradgeschäft, das am Samstag auf hatte, und so ein Geschäft fanden wir bald in dem Stadtteil von Bad Sooden-Allendorf, der nur Allendorf heißt. Da leuchteten uns wieder die Fachwerkhäuser in glänzender Pracht entgegen.  


 
Fachwerkhäuser in Allendorf


Im Fahrradgeschäft kauften wir neue Pedale und einen Reserveschlauch, und in einer Konditorei genossen wir Kaffee und Kuchen sowie den Glanz der Fachwerkhäuser. Als wir weiterfahren wollten, rief Turid: „Hey, etwas ist am Fahrrad nicht in Ordnung!“ Ihr Hinterrad hatte einen Platten. Dann hieß es: Rad herausnehmen, Mantel öffnen und Schlauch herausnehmen. Es war die alte Sache: Der Leim hatte sich an einer alten Flickstelle gelöst. Es war der letzte Gruß von der Sonne auf dem Campingplatz bei Bad Karlshafen. Beim Entfernen des alten Lappens entstand ein Riss im Schlauch. Das war aber kein Problem, denn wir standen fast vor dem Fahrradgeschäft. Das Einbauen des neuen Schlauchs machte ich auf dem offenen Platz vor dem Rathaus. Als ich an dem Rad hantierte, fragte mich ein älteres radfahrendes Ehepaar (so alt wie wir), ob ich eine Luftpumpe brauche. Ich war über die Frage etwas verblüfft, denn ich würde nie auf eine große Radtour ohne eine Luftpumpe gehen. Ich lehnte das freundliche Angebot mit einem Neindanke ab.



Weiterlesen:

Wir erreichen die Wartburg.
Grenzüberschreitend Thüringen-Hessen.
An der Werra Richtung Eisfeld