 Ein Interview
von Peter
Bickel
Schon immer experimentierte der Norweger Terje
Isungset mit »organischen« Sounds. Er bastelte Instrumente aus Holz, Stein
und Metal; er benutzte industrielle Maschinen und entwickelte spezielle
Aufnahmeprozesse, um seine musikalischen Visionen zu verwirklichen. Und
neuerdings musiziert er »in Eis«.
Ein Portrait des außergewöhnlichen
Perkussionisten und ein Interview mit ihm.

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Eis als Klangquelle und -körper zu verwenden, war
schon lange Terje Isungets Traum. Wie sollte es auch anders sein bei
diesem Familiennamen?
2000 war es dann endlich soweit: Er wurde
eingeladen, anlässlich der Winterfestspiele 2000 in Lillehammer den
Klang des Wassers bei einem gefrorenen Wasserfall hörbar zu machen,
begleitet von Palle Mikkelborg and Lena Willemark. Das Konzert wurde
im norwegischen Fernsehen übertragen.
Während der Vorbereitungen für das
Lillehammer-Projekt wurde Isungset von Schweden eingeladen, am
weltweit übertragenen Millenium-Neujahrs-Fest teilzunehmen. Zusammen
mit dem Eis-Skulpteur Bengt Carling schuf Terje dafür einige
Perkussions-Instrumente aus Eis, die die ganze Welt zu hören und
sehen bekam.
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»ICEMAN IS«
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Die Klangqualitäten des Eises stellten sich als so
bezaubernd heraus, dass Terje Isungset begann, eine CD-Aufnahme zu
planen, mit Iro Haarla an der Harfe und Arve Henriksen an der
Trompete. Er wollte nicht nur Eis-Perkussion einsetzen, sondern auch
Blas- und Streichinstrumente aus Eis. Die Aufnahmebedingungen würden
extrem sein, das war ihm klar. Denn die Eisinstrumente sind sehr
leise und anfällig für Temperaturschwankungen. Den perfekten
Aufnahmeort fand er schließlich mit dem Eishotel in Jukkasjærvi; die
Aufnahme fand an zwei Februartagen 2001 statt.
Das Eishotel wird jeden Winter neu erbaut auf einem
gefrorenen See, und das Eis des nahegelegenen Flusses lieferte das
nötige Baumaterial für das Projekt »ICEMAN IS«. Denn es ist
essenziell wichtig, dass das Eis frei ist von Luftblasen, Rissen und
Verschmutzungen. Gerade die Region um Jukkasjærvi ist bekannt für
ihre große Mengen an hochwertigem Eis.
Mit speziellen Maschinen und Werkzeugen holte man
große Eisblöcke aus dem Fluss und schnitt sie auf bestimmte Größen
zurecht. Außerdem wurde ein spezieller Aufnahmeraum in der Größe 4
mal 16 Meter gebaut, aus ein Meter dicken und festgepressten
Schneeblöcken, mit einem kleinen Fenster für natürliches
Tageslicht.
Es stellte sich heraus, dass der Raum zu 100%
schalldicht war. Isungset und seine Mannschaft bauten einen
zusätzlichen Kontrollraum für den Tontechniker, in dem die
Aufnahmegeräte standen. Das Summen der Festplatten hätte ansonsten
die Aufnahme gestört, da die Eisinstrumente nur sehr leise Klänge
von sich geben. Die Außentemperatur betrug im Schnitt minus 37°;
innen war es deutlich moderater - meist um minus 8°.
Das waren perfekte Bedingungen für die
Eisinstrumente, wenn auch nicht für die Musiker. Wärmere
Temperaturen wären nicht möglich gewesen, denn das Eis verändert
seinen Charakter und seine Dichte sehr stark bei unterschiedlichen
Temperaturen. Am besten klang es bei etwa minus 10
Grad.
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Die
Aufnahme
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Arve Henrisken bläst die
Eistrompete
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Terje Isungset und Bengt Carling arbeiteten vor der
Aufnahme drei Tage und Nächte, um Instrumente zu bauen - manche
basierend auf früheren Erfahrungen, manche komlett neu erschaffen,
wie etwa die Eistrompete oder die gigantische Eis-Basstrommel. Die
einzigen Komponenten, die nicht aus Eis geformt wurden, waren die
Saiten der Eisharfe und das Fußpedal für die Basstrommel. Außerdem
benutzte Trompeter Arve Henriksen gelegentlich ein
Glasfieber-Mundstück; meist blies er jedoch direkt in die
Eistrompete, was seine Lippen wegen der Kälte sehr forderte.
Nach zwei Tagen Üben und Aufnehmen hatten Isungset,
Haarla und Henriksen drei Stunden Musik auf ihren Festplatten.
Während der nachfolgenden Monate brachte Terje das Material in Form:
Er editierte und arrangierte, wählte aus und montierte neu, und er
fügte dezent weitere Klangfarben hinzu - so etwa die Stimme von Lena
Willemark, die Trompete von Palle Mikkelborg und elektronische
Klänge der beiden Sound-Gurus Skuli Sverrison und Hilmar
Jensson.
Das erscheint zunächst bedauerlich, denn als Hörer
will man natürlich wissen, welche Klänge nun pur von den
Eisinstrumenten stammen. Doch keine Angst: Beim genauen Hören fällt
die Identifikation nicht schwer. Und letztlich kommen die sehr
dezent und einfühlsam addierten Studio-Overdubs der puristischen
Eis-Sinfonie nur zugute.
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Mit Kettensäge und japanischen Messern Das Interview
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Wie kamst Du auf die Idee, Eis-Instrumente zu
verwenden?
Ich habe in den letzten Jahren immer wieder
verschiedene Naturelemente beim Musizieren und Komponieren
verwendet. So habe ich Musik gemacht mit Steinen, mit selbst
entwickelten und hergestellten Holzinstrumenten, mit Metalschrott
und auch mit Soundsamples von Fabriken, Ölraffinerien und so
weiter.
Mit Eis Musik zu machen, war schon seit Jahren ein
Traum für mich. Er kam während einer Auftragsarbeit für die
Olympischen Winterspiele 2000 in Lillehammer und während einer
anderen Auftragsarbeit für das Eishotel in Jukkasjärvi, die zur
weltweit übertragenen Millenium-Feier 2000 stattfand.
Kannst Du etwas über die Herstellung der
Eisinstrumente erzählen?
Ich verwende ein Messer, eine Kettensäge und einige
spezielle japanische Messer. Die Qualität des Eises ist auch sehr
wichtig - es muss gut sein. Das bedeutet, dass keine Luftblasen
eingeschlossen sein dürfen.
Wir nehmen große Blöcke mit klarem Eis aus dem
Wasser, dann beginne ich mit der Fertigung.
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Terje Isungset am Eis-Schlagzeug. Man
beachte die Basstrommel.
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Hast Du sie alle selbst gebaut oder hast Du
Eis-Skulpteure, die nach Deinen Bauplänen arbeiten?
Die meisten Instrumente habe ich selbst gebaut. Ein
Eis-Skulpteur half mir aber auch - die Eisharfe und die Trompeten
etwa wurden hauptsächlich von Bengt Carling hergestellt.
Musstest Du mehrere Versionen bauen, bis die
Instrumente so klangen, wie Du Dir das vorgestellt hast?
Ja, das war eine MENGE Arbeit! Und das Eis war
SEHR zerbrechlich. Ich habe oft Stunden und Stunden an einer
Basstrommel gearbeitet, und dann zerbrach alles kurz vor der
Fertigstellung.
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Sehr extrem
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Gab es eine Art Komposition bei den Aufnahmen oder
habt Ihr nur improvisiert?
Ich hatte einige Ideen, bevor wir mit den Aufnahmen
begannen. Aber es war mir nicht möglich, Kompositionen für
Eisinstrumente auszuarbeiten, weil ich nicht wusste, wie sie klingen
würden. Was ich jedoch getan habe, war musikalische Ideen
vorzubereiten. Als wir »ICEMAN IS« aufnahmen, improvisierten
wir über diese Ideen.
Die Aufnahmesession war sehr extrem - es war
verdammt kalt, und wir hatten nicht viel Zeit. So editierte und
komponierte ich die Musik erst hinterher im Studio. Aber alle
Eis-Sounds stammen zu 100% vom Eis - so wie sie während der Aufnahme
klangen.
Warum hast Du »normale« Instrumente später im Studio
hinzugefügt?
Ich wollte das Eis in verschiedene Stimmungen und
Klangfarben der Musik stellen. Die Essenz sind und bleiben immer die
Eisinstrumente, aber wenn ich die Stücke als Ganzes betrachte, hielt
ich es für richtig, noch andere Instrumente hinzuzufügen.
Waren die puren Eis-Sounds nicht »genug«?
Doch, pure Eis-Sounds sind einfach fantastisch! Ich
habe schon mehrere Eiskonzerte nur auf Eisinstrumenten gespielt.
Mein nächstes Eisalbum nehme ich 2004 auf - dort wird es NUR
Eis-Sounds geben.
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Die
Basstrommel
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Warum hast Du die CD »ICEMAN IS« in so vielen
Studios nachbearbeitet?
Das hatte praktische Gründe. Wir nahmen da auf, wo
die Musiker waren.
Oft hört man eine sehr tiefen, »subsonic« Sound. Was
ist das?
Das ist ein Stück Eis! Ich nenne es eine
Basstrommel - und es ist die erstaunlichste Basstrommel, die ich je
gehört habe. Sie besteht aus einem Eisblock von der Größe 50 x 40 cm
- und ist sehr zerbrechlich. Sie war am schwierigsten zu bauen.
Veränderten die Instrumente ihren Klang bei
Temperaturschwankungen?
Ja, der Klang verändert sich sehr stark. Die besten
Temperaturen sind zwischen minus 5 und minus 15 Grad. Um null
beginnt das Eis wie Wasser zu klingen - ein sehr »toter«
Sound.
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Die Natur ist der
Boss
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Terje und seine
Eis-Röhrenglocken
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Kannst Du Deine Erfahrungen und Deine Empfindungen
beschreiben, wenn Du Eisinstrumente verwendest?
Die Natur ist der Boss - und zwar vollständig. Ich
bin nur ein kleines menschliches Wesen, das versucht, Musik aus der
Natur zu erschaffen. Wenn die Natur es will, kann die Musik gut
werden. Aber alle Instrumente gehören der Natur, und ich gebe sie
immer zurück nach Gebrauch (Sie schmelzen zu Wasser...)
Außerdem ist das alles ziemlich harte Arbeit, und
es berührt mich tief, wenn ich dann Überraschungen durch neue Klänge
und neue Möglichkeiten des Musikmachens erlebe. Und es ist einfach
unbeschreiblich, wenn es kalt ist, der Vollmond am Himmel steht und
absolute Stille herrscht - Schnee, Winter, Magie. Die Eisinstrumente
sind magische Instrumente des Königs mit dem Namen »Stille« ...
Hast Du vor, noch mehr Projekte mit Eisinstrumenten
zu verwirklichen? Vielleicht sogar auch Live-Konzerte?
Ja, Konzerte ebenso wie weitere Aufnahmen. Ich
hatte Konzerte in Norwegen und Schweden. Und ich habe auch einige
Angebote für Eiskonzerte in Kanada, Finnland und Deutschland für den
nächsten Winter.
© Peter Bickel |
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